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Wiener Zeitung - Leitartikel von Thomas Seifert: "Irak, der strategische Murks"

Ausgabe vom 13. August 2014

Utl.: Ausgabe vom 13. August 2014 =

Wien (OTS) - Für Präsident Barack Obama war der Irak-Krieg von George
W. Bush schon immer ein "strategischer Murks", ein "dummer Krieg",
gegen den er schon als Senator zu Felde gezogen ist. Ein wichtiges
Motiv für Obamas Wahl zum 44. Präsidenten der USA war sein
Versprechen, die USA aus dem Schlamassel zwischen Euphrat und Tigris
herauszuholen. Genau das hat Obama gemacht und hoffte wohl, dass er
diesen Abzug aus dem Zweistromland in den Geschichtsbüchern auf der
Habenseite verbuchen wird können. Doch daraus wird nichts: Man kann
unter einen Krieg nicht einfach den Schlussstrich ziehen und wie
Josiah Bartlet, der von von Martin Sheen gespielte fiktive
US-Präsident in der legendären Polit-Fernsehserie "West Wing" sagen,
"What's next? - Was steht als Nächstes an?"

Und so lässt Obama sich sichtlich nur höchst widerwillig wieder in
das Irak-Chaos hineinziehen. Er weiß: Rettet er die irakische
Regierung, dann rettet er damit den Protegé Teherans. Und mit den
Bomben auf die Dschihadisten des "Islamisches Staates" (genannt: IS
oder Isis) erledigt er unfreiwillig nicht nur das Geschäft des Iran,
sondern auch jenes von Bashar al-Assad. Beides liegt nicht gerade im
strategischen Interesse der USA. Die Mitverantwortung Amerikas am
Chaos im Irak macht ein Engagement zugunsten der von Isis mit
dämonischem Furor verfolgten Flüchtlinge aber zu einem moralischen
Imperativ.

Darüber hinaus ist derzeit aber kein strategisches Kalkül der USA
erkennbar: Ein schwerer Fehler, denn die Region befindet sich in
einem historischen Umbruch. Grenzen, die einst mit Tinte gezogen
wurden, werden heute mit Blut neu gezeichnet. Die Ordnung des Nahen
Ostens durch das britisch-französische Sykes-Picot-Abkommen nach dem
I. Weltkrieg ist ebenso passé wie die Pax Americana, die nach dem II.
Weltkrieg an ihre Stelle getreten ist. Ein Kurdenstaat ist im
Entstehen (de facto gibt es ihn längst im Nordirak), Syrien und der
Irak existieren nur mehr auf dem Papier. Ignoriert man die
IS-Dschihadisten weiter, dann werden Jordanien und der Libanon die
nächsten Länder sein, die im Fadenkreuz dieser Assassinen der Neuzeit
auftauchen. Die Neuordnung der Region darf nicht den IS-Dschihadisten
überlassen werden, sondern es bedarf einer herkulischen
diplomatischen Kraftanstrengung, um gemeinsam mit allen Stakeholdern
eine dauerhafte Friedenslösung für die Kurden, den Irak und Syrien zu
finden.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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