Wiener Zeitung - Leitartikel von Thomas Seifert: "Sinnloser Krieg, sinnloser Sieg"

Ausgabe vom 6. August 2014

Wien (OTS) - Der israelisch-palästinensische Konflikt ist zum grausamen, blutigen und unmenschlichen Ritual erstarrt: Eine in diesem Fall besonders scheußliche Provokation von Seiten palästinensischer Gewalttäter - die Entführung und der kaltblütige Mord an drei israelischen Jugendlichen - führt zu einem nicht minder verabscheuungswürdigen Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen durch drei junge israelische Extremisten. Die Hamas beschießt israelische Siedlungen mit Raketen, Israel bombardiert am 3. Juli den Gazastreifen. Bisherige Bilanz des Blutvergießens: fast 2000 getötete Palästinenser, darunter 329 Kinder, 64 tote israelische Soldaten, 3 tote Zivilisten.

Nun gibt es einen Waffenstillstand, bald werden beide Seiten - die Hamas und Israel - ihren Sieg proklamieren. Ein sinnloser Sieg. Denn beide Seiten glauben, zum status quo ante zurückkehren zu können. Hat der israelische Premier Benjamin Netanyahu sein Ziel erreicht, die Hamas in Gaza auszuschalten und die Raketen-Gefahr für die israelische Bevölkerung zu minimieren? Nein. Und haben die Hamas-Chefs Ismail Haniyeh und Chalid Maschal erreicht, die Blockade des Gazastreifens durch Ägypten und Israel, die das Land in ein Freiluftgefängnis verwandelt, zu brechen? Ebenfalls nein. Warum auch sollten die Israelis die Grenzen für Menschen und Güter öffnen, solange sie fürchten müssen, von Gaza aus beschossen zu werden?

Das Problem: Die Hamas will keinen Frieden, denn Krieg und Hass ist das Lebenselixier der Extremisten. Die Hamas-Kämpfer wissen: Für den Frieden braucht es kompetente Verwalter und kreative Macher, keine gewaltbesessenen Krieger. Netanyahu wiederum hat in seiner Amtszeit alles getan, um das bisschen Friedensprozess, das noch übrig war, zu torpedieren. Er beschleunigte den Ausbau der illegalen Siedlungen auf palästinensischem Land, hat die Vermittlungsbemühungen von US-Außenminister John Kerry hintertrieben und die Autorität des moderaten Palästinenserführers Mahmoud Abbas untergraben - alles, um die Entstehung eines Palästinenserstaates zu verhindern.

Dabei gibt es nur einen Weg: Und der läuft über Verhandlungen zwischen beiden Seiten über die Zukunft eines Palästinenserstaats und die Anerkennung des Existenzrechts Israels sowie Sicherheitsgarantien durch die Palästinenser. Sonst gibt es auch im nächsten sinnlosen Krieg keine Gewinner, sondern nur Verlierer.

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