- 24.07.2014, 18:13:17
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Thomas Seifert: "Alte und neue Antisemiten"
Ausgabe vom 25.7.14
Utl.: Ausgabe vom 25.7.14 =
Wien (OTS) - Wenn Rechtsradikale gegen Muslime hetzten, wenn es um
das Recht auf Beschneidung als religiöses Ritual ging - stets
solidarisierten sich Österreichs Juden mit Muslimen. Und jetzt, da
die Kritik an Israels Militäroperationen gegen die Hamas in Gaza bei
manchen in offenen Antisemitismus umschlägt, hätten auch Juden diese
Solidarität nötig, klagte mir unlängst der Chefredakteur des
jüdischen Kulturmagazins "Nu", Peter Menasse, sein Leid. Menasse hat
recht: Wenn bei Demonstrationen gegen den Krieg in Gaza Parolen gegen
Juden gegrölt werden, wenn bei einem Testspiel des israelischen
Spitzenklubs Maccabi Haifa Zuschauer das Spielfeld stürmen und
Spieler tätlich angreifen, dann ist das skandalös, beschämend und
völlig inakzeptabel. Und dass, wie Menasse weiter vermutet, ein neuer
Antisemitismus von bestimmten muslimischen Migrantengruppen ausgeht,
sollte zu denken geben. Denn der neue Antisemitismus ist nicht
weniger gefährlich als der alte.
Wer in Wien und Österreich aufwächst und lebt, hat eine Verantwortung
gegenüber Israel. Die Geschichte beider Länder ist auf tragische
Weise verwoben. Wien war nicht nur die Stadt Theodor Herzls, dessen
Buch "Der Judenstaat" als erste Vision eines Staates Israel gilt,
sondern auch die Stadt, in der Adolf Hitler sich den Antisemitismus
zueigen machte. Das Resultat: der Völkermord an rund sechs Millionen
Juden. Diese Verbrechen dürfen nie in Vergessenheit geraten, und über
diese schreckliche historische Schuld muss man auch mit jungen
muslimischen Österreichern reden.
Deprimierend ist zudem, wenn junge aus der Türkei stammende
Österreicher die dümmlichen Parolen des zunehmend autokratischen
türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan einfach nachplappern. Wer
den Frieden im Nahen Osten herbeisehnt, darf nicht nur gegen die
Abschnürung Gazas durch Israel, sondern muss auch gegen den
Hamas-Raketenterror demonstrieren.
Doch all das heißt keineswegs, dass man die Politik des israelischen
Premiers Benjamin Netanyahu gutheißen muss. Und es gibt auch keinen
Freibrief, all jene als "Pali-Versteher" zu verunglimpfen, die es
wagen, die Tötung von Kindern in Gaza durch israelische
Militäroperationen schockierend zu finden. Harte Kritik an Israels
Gaza-Operation ist legitim und berechtigt. Doch wo diese Kritik als
gar nicht so versteckter Antisemitismus daherkommt, ist Schluss.
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