Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Den Bogen überspannt"

Ausgabe vom 19.7.14

Wien (OTS) - Der Chef einer selbsternannten Volksrepublik Donezk von Moskaus Gnaden, er heißt Alexander Borodai, erklärte zwölf Stunden nach dem Abschuss eines zivilen Passagierflugzeugs mit 298 Toten, eine Waffenruhe deswegen sei nicht möglich. Genau die hatte Russlands Präsident Wladimir Putin gefordert. Abgesehen von Borodais offenkundiger Menschenverachtung stellt sich die Frage, welche Kontrolle Russland über die - mit schweren Waffen ausgestatteten -ostukrainischen Banden noch hat.

Und Putin steht erneut als Lügner da. Damit befindet er sich bloß auf Augenhöhe mit Borodai, ist aber weit davon entfernt, was er sein möchte: ein Politiker mit globalem Einfluss.

Man kann es drehen und wenden wie man will, aber die Verantwortung für den Tod all dieser Menschen trägt Präsident Putin mit seiner Eskalationsstrategie in der Ostukraine. Ungerührt von der Tragödie, zieht Russland erneut Truppen in der Nähe der ukrainischen Grenze zusammen, während der Kreml unermüdlich die Schuld daran der Ukraine zuschiebt.

Dieser Zynismus ist gefährlich, denn er kennt keine Grenzen. Selbst wenn der Abschuss von Flug MH17 ein furchtbares Versehen war, bleibt es ungeheuerlich, russische Glücksritter mit derart komplexen Waffensystemen auszustatten.

Damit wird Putin für den Rest der Welt vollkommen unberechenbar. Ein mächtiger Politiker sollte das Gegenteil davon sein, siehe Barack Obama und Angela Merkel. Es ist nun nicht einmal mehr notwendig, ein Freund der jetzigen Regierung in Kiew zu sein, um die Politik Russlands zu verteufeln.

Ob der Abschuss der malayischen Boeing 777 den Friedenswillen in der Region steigert, muss bezweifelt werden. Sowohl die ukrainische als auch die russische Führung sind viel zu emotionalisiert. Putin hätte es in der Hand, den Kreislauf der Gewalt zu stoppen. Doch - wie gesagt - ob er noch alles unter Kontrolle hat, beziehungsweise ob er überhaupt noch kalmierend eingreifen will, muss stark bezweifelt werden.

Auch wenn es wirtschaftlich sehr hart wird, doch Europa wird sich mit dem Faktum anfreunden müssen, dass sich Putin seinen eurasischen Großmachtträumen hingibt. Als kalkulierbarer Partner fällt er damit aus, an der gemeinsamen Grenze wird er sogar zum Risiko. Europa wird darauf reagieren müssen, wenigstens den 298 Toten von Flug MH17 zuliebe.

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