- 18.07.2014, 17:52:13
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Den Bogen überspannt"
Ausgabe vom 19.7.14
Utl.: Ausgabe vom 19.7.14 =
Wien (OTS) - Der Chef einer selbsternannten Volksrepublik Donezk von
Moskaus Gnaden, er heißt Alexander Borodai, erklärte zwölf Stunden
nach dem Abschuss eines zivilen Passagierflugzeugs mit 298 Toten,
eine Waffenruhe deswegen sei nicht möglich. Genau die hatte Russlands
Präsident Wladimir Putin gefordert. Abgesehen von Borodais
offenkundiger Menschenverachtung stellt sich die Frage, welche
Kontrolle Russland über die - mit schweren Waffen ausgestatteten -
ostukrainischen Banden noch hat.
Und Putin steht erneut als Lügner da. Damit befindet er sich bloß auf
Augenhöhe mit Borodai, ist aber weit davon entfernt, was er sein
möchte: ein Politiker mit globalem Einfluss.
Man kann es drehen und wenden wie man will, aber die Verantwortung
für den Tod all dieser Menschen trägt Präsident Putin mit seiner
Eskalationsstrategie in der Ostukraine. Ungerührt von der Tragödie,
zieht Russland erneut Truppen in der Nähe der ukrainischen Grenze
zusammen, während der Kreml unermüdlich die Schuld daran der Ukraine
zuschiebt.
Dieser Zynismus ist gefährlich, denn er kennt keine Grenzen. Selbst
wenn der Abschuss von Flug MH17 ein furchtbares Versehen war, bleibt
es ungeheuerlich, russische Glücksritter mit derart komplexen
Waffensystemen auszustatten.
Damit wird Putin für den Rest der Welt vollkommen unberechenbar. Ein
mächtiger Politiker sollte das Gegenteil davon sein, siehe Barack
Obama und Angela Merkel. Es ist nun nicht einmal mehr notwendig, ein
Freund der jetzigen Regierung in Kiew zu sein, um die Politik
Russlands zu verteufeln.
Ob der Abschuss der malayischen Boeing 777 den Friedenswillen in der
Region steigert, muss bezweifelt werden. Sowohl die ukrainische als
auch die russische Führung sind viel zu emotionalisiert. Putin hätte
es in der Hand, den Kreislauf der Gewalt zu stoppen. Doch - wie
gesagt - ob er noch alles unter Kontrolle hat, beziehungsweise ob er
überhaupt noch kalmierend eingreifen will, muss stark bezweifelt
werden.
Auch wenn es wirtschaftlich sehr hart wird, doch Europa wird sich mit
dem Faktum anfreunden müssen, dass sich Putin seinen eurasischen
Großmachtträumen hingibt. Als kalkulierbarer Partner fällt er damit
aus, an der gemeinsamen Grenze wird er sogar zum Risiko. Europa wird
darauf reagieren müssen, wenigstens den 298 Toten von Flug MH17
zuliebe.
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