- 17.07.2014, 18:01:17
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Kein Klatschen, kein Singen"
Ausgabe vom 18.7.14
Utl.: Ausgabe vom 18.7.14 =
Wien (OTS) - Es muffelt zu oft und menschelt zu selten in der
Politik. Deshalb mag es eine sympathische Idee gewesen sein, als der
Brüssel-Korrespondent des ZDF der deutschen Kanzlerin zum 60.
Geburtstag ein Ständchen sang. Nicht irgendwo, sondern mitten in der
Pressekonferenz zum Abschluss es EU-Gipfels, also quasi live auf
allen Kanälen. Man sieht den übrigen Journalisten wie auch Angela
Merkel auf den Bildern an, dass sie die Einlage als unpassend
empfinden, als peinliche Grenzüberschreitung.
Journalisten klatschen nicht, wenn Politiker reden, und singen nicht,
wenn diese Geburtstag haben. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit.
So lautet eine ungeschriebene Branchenregel. Dass sie es mitunter
dennoch tun, ist menschlich, aber nicht professionell. Journalisten
und Politiker verbindet nicht nur ein gemeinsamer Arbeitsbereich,
sondern es verbinden sie auch überschneidende Freundeskreise und
Interessen, manchmal sogar eine gemeinsame Vergangenheit, etwa an der
Universität. Und je kleiner das Land, desto enger die wechselseitigen
Verflechtungen, weshalb dieses Thema in Österreich ungleich
drängender wirkt, als beispielsweise in Deutschland, wo das
deplatzierte Ständchen für die Kanzlerin jetzt wieder zum Anlass
genommen wird, damit sich die Medien ihres Standorts gegenüber der
Politik versichern. Dieser müsse eindeutig auf der anderen, der den
Parteien und Politikern gegenüberliegenden Seite liegen, so lautet
die allgemeine Forderung.
Der Eindruck unziemlicher Nähe von Journalisten und Politikern hat
verheerende Folgen. Die Aktion des Korrespondenten vom öffentlichen
ZDF ist dabei nicht das Problem, hier ist nur eine wahrscheinlich
nett gemeinte Geste nach hinten losgegangen. Zudem entzieht sich
Angela Merkel wie kaum ein anderer Politiker der oft zudringlichen
Nähe der Medien. Zumindest gibt es bisher keinen Eindruck von
Verhaberung und spezieller Beziehungspflege zu ausgewählten Verlagen
oder Journalisten. Auch damit bildet Merkel eine rare Ausnahme, nicht
nur im Vergleich zu heimischen Politikern, sondern auch in Europa.
Politiker müssen es als eine besondere Ironie des Schicksals
empfinden, dass sie ausgerechnet von jenen kritisiert, belehrt und
mitunter verleumdet werden, deren Ansehenswerte ähnlich tief im
Keller sind wie die eigenen. Das sollte eigentlich für beide Seiten
Ansporn genug sein, für ausreichend Abstand zueinander zu halten.
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