Wiener Festwochen: Rudolf Scholten antwortet Frie Leysen

Antwort von Dr. Rudolf Scholten auf den offenen Brief von Frie Leysen, erschienen in "Profil" Nr. 28, vom 7. Juli 2014

Wien (OTS) - Liebe Frie Leysen!

Zuallererst tut es mir nach wie vor Leid, dass es auch nach mehreren Gesprächen nicht gelungen ist, Sie zum Bleiben zu überzeugen.

Umso mehr als Sie selbst von der Reaktion des Publikums auf das heurige Programm so schön überrascht und beeindruckt waren. Die Festwochen 2014 waren - und das ist wesentlich auch Ihr Verdienst -ein wunderbarer Beweis dafür, dass ein vielfältiges und mit Enthusiasmus vorbereitetes Programm als schlüssiges Gesamtangebot an diese Stadt wahrgenommen wurde und nicht in häufiger Neigung zwischen Höhepunkten und Nebenschauplätzen unterscheidet, was immer zu einer Missachtung großartiger künstlerischer Leistungen führt.
So waren das Publikum, die Kritik und natürlich auch wir über die heurigen Festwochen sehr glücklich.

Dass aber ein Festival jedes Jahr buchstäblich neu startet und sich nur sehr gering auf vergangene Erfolge berufen kann, ist insbesondere Markus Hinterhäuser sehr bewusst. Es war ja seine Initiative sich - im Übrigen mit großem Einsatz - um Ihre Mitarbeit zu bemühen. Ich kann mich gut erinnern, wie glücklich er über Ihre seinerzeitige Zusage war. Auch war ihm in der ganzen Vorbereitung für 2014 immer die Diskussion über das Grundsätzliche - auch im Zusammenhang mit einzelnen Projekten - ein zentraler Konzentrationspunkt, der immer viel mehr vom Bild eines künstlerischen Entwurfs als von der bloßen Realisierung einer Veranstaltung geprägt war.

Nun aber zu einzelnen Punkten Ihrer Wahrnehmungen:
Wenn Sie in Ihrem "offenen Brief" die interne Organisation der Festwochen ansprechen, dann gilt, was ich Ihnen schon persönlich gesagt habe: sehr gern - und ich meine das nach wie vor so - möchte ich Ihre Erfahrungen mit Ihnen im Detail besprechen. Sie werden sich erinnern, dass wir bereits bei unserem ersten Treffen begannen, die Strukturen zu hinterfragen und über Visionen zu diskutieren. Man muss nur bedenken, dass manchen Ihrer Beobachtungen auch meine Erfahrungen aus früheren Jahren und Erkenntnisse aus anderen Kunstorganisationen gegenüberstehen. Beispielsweise ist die mit der künstlerischen Leitung gleichberechtigte kaufmännische Leitung durch Wolfgang Wais eine maximale Sicherheit dafür, dass bei den Festwochen mit dem keineswegs so opulenten Budget sehr präzise und vorsichtig umgegangen wurde und wird. Nur so ist es gelungen über all die Jahre die finanziellen Wagnisse eines sich gleichsam jedes Jahr neu erfindenden Festivals durch eine sehr vorausschauende Planung zu bewerkstelligen.

Auch möchte ich Ihnen sagen, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Wiener Festwochen sehr gern mit Ihnen und für Ihre Projekte gearbeitet haben und entgegen Ihrer Behauptung mit sehr großem Einsatz. Jedes Zusammentreffen - wie auch das heurige Abschlussfest - beweist, dass das Team der Festwochen nicht nur sehr gut und professionell ist, sondern auch deren Enthusiasmus für die Realisierung der Projekte und natürlich auch die Freude über den erreichten Erfolg offensichtlich waren.

Auch ist die "Halle E und G" GesmbH nicht auf Gewinn ausgerichtet, sondern mit dem Auftrag ausgeglichen zu gestionieren, was sich auch dadurch ausdrückt, dass über das Jahr für kulturelle Veranstaltungen gegenüber den "kommerziellen" nur die Selbstkosten verrechnet werden.

Kommunikation und sonstige interne organisatorische Schwerpunkte sind selbstverständlich immer zu bezweifeln und zu besprechen, aber wie schon früher gesagt, Ihre Erfahrungen dazu würden wir sehr gern nutzen.

Den Vorwurf der Visionslosigkeit halte ich insofern für ungerecht, als auch ich selbst zu kaum einem Thema der Wiener Festwochen so viel Zeit und Energie aufgewandt habe wie zur Frage, was die grundsätzliche Rolle eines sich nicht an Fremdenverkehrszahlen orientierenden Festivals in einer sich rasch verändernden Stadt wie Wien ist. Eigentlich drehen sich alle Gespräche, die ich gerade in den letzten Wochen gemeinsam mit dem Herrn Stadtrat Mailath-Pokorny mit europäischen Festival- und Theaterleitern und -leiterinnen zur Vorbereitung der Ausschreibung der Intendanz führte, um dieses Thema. Dabei spielt nicht nur die Frage der künstlerischen Innovationskraft der Festwochen eine große Rolle, sondern auch wie ein Festival auf die sich verschiebenden Zentren der Stadt wahrnehmbar und relevant reagieren kann. Es kann uns - unabhängig von Auslastungserfolgen - nicht gleichgültig sein, wenn wir einen großen Teil der in dieser Stadt lebenden Menschen nicht oder nur sehr sporadisch erreichen können.

Ich habe Ihnen gemeinsam mit Markus Hinterhäuser schon bei unserem ersten längeren Gespräch, als Sie mich vor Beginn Ihrer Mitarbeit im Waldviertel besuchen waren, gesagt, dass gerade die Wiener Festwochen angesichts ihrer hohen Akzeptanz in Wien und speziell bei ihrem Publikum und vor dem Hintergrund der großen künstlerischen Erfolge auch in der Vergangenheit, sich die Freiheit nehmen müssen, ihre Rolle und Aufgabe zu bezweifeln und sie gleichsam neu zusammenzusetzen. Die Kunst strebt oft den Platz an, die Fragen der Zeit vorausahnend zu stellen und die Zukunft schon vor ihrem Eintreffen wahrzunehmen. Das alles muss für ein Festival in einer so auf ihren Kulturreichtum pochenden Stadt wie Wien erst recht Sehnsucht und Ziel sein.

Wir können zu diesen Themen weiterhin Briefe austauschen oder auch miteinander sprechen, beides würde mich freuen.

Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Arbeit für die Saison 2014, gratuliere zu den großen Erfolgen und wünsche Ihnen von Herzen alles Gute

Rudolf Scholten
Vorsitzender des Aufsichtsrats der Wiener Festwochen GesmbH

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