- 06.06.2014, 19:27:38
- /
- OTS0220 OTW0220
Der Schatten über dem D-Day
Ein Leitartikel von Jochim Stoltenberg
Utl.: Ein Leitartikel von Jochim Stoltenberg =
Berlin (ots) - Freiheit und Demokratie sind Voraussetzung dafür,
dass
die Menschen friedlich zusammenleben. Auch über nationale Grenzen,
Sprachen und Kulturen hinweg. Mit diesen Werten leben zu können ist
leider nicht so selbstverständlich, wie es die westdeutsche
Nachkriegsgeneration und die ostdeutsche Nachwendegeneration
glücklicherweise erfahren haben. Dass Demokratie und Freiheit gegen
Okkupanten und Unterdrücker bisweilen auch unter schwersten Opfern
erkämpft werden müssen, daran haben am D-Day 19 Staats- und
Regierungschefs erinnert. Zu Recht würdigte US-Präsident Barack Obama
die alliierten Soldaten als Wegbereiter für Demokratie und Freiheit.
Zu dieser Feier anlässlich des 70. Jahrestags der Landung in der
Normandie auch die deutsche Bundeskanzlerin - zusammen mit den
Siegern von damals - als willkommenen Gast einzuladen, zeigt, wie
weit die Versöhnung zwischen den Feinden von einst gediehen ist. Und
doch lag ein langer, politisch-militärischer Schatten über dem
meteorologischen Sonnenschein. Es ist die Krise um die Ukraine, die
plötzlich wieder von imperialen Machtgelüsten und latenter
Kriegsgefahr kündet. Frieden in Europa, Freiheit und Demokratie
bleiben gefährdet, weil der Anfang der Neunzigerjahre begonnene
Aussöhnungsprozess zwischen Ost und West gestoppt ist.
Keiner weiß, was Wladimir Putin als Teilnehmer der Gedenkfeier im
Innersten seines Herzens bewegt hat. Es war richtig , auch ihn
einzuladen. Eine bessere Lektion dafür, wie wichtig die Werte der
Freiheit im westlichen Selbstverständnis sind, konnte ihm nicht
erteilt werden. Dem Präsidenten eines Russlands, das sich mit der
Okkupation der Krim und der gezielten Destabilisierung der
geschrumpften Ukraine bedenkenlos über das Völkerrecht hinwegsetzt.
Bleibt zu hoffen, dass Putin in der Normandie besser gelernt hat
einzusehen, dass es für Demokratien Grenzen des gerade noch
Hinnehmbaren gibt.
In der globalisierten Welt von heute sind Schlachten, wie sie vor 70
Jahren geschlagen wurden, nicht länger realistisch. Aber das ist kein
Freibrief, zur Machtpolitik überholter Zeiten zurückzukehren. Die
Welt von heute ist vernetzt und durch gegenseitige wirtschaftliche
wie technologische Abhängigkeit geprägt. Das macht auch Russland
verwundbarer, als es der Kreml-Chef vielleicht glaubt. Er sollte sich
nicht täuschen, dass Demokratien selbst nach längerem Zögern
entschlossen sein können. Ihre stärkste Waffe sind heute nicht
Panzer, sondern Hiebe gegen die ohnehin schwächelnde Wirtschaft.
Der Leitartikel im Internet: www.morgenpost.de/128815031
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | EUN






