• 06.06.2014, 17:59:54
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Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil: "Die Real-Satire"

Ausgabe vom 7. Juni 2014

Utl.: Ausgabe vom 7. Juni 2014 =

Wien (OTS) - In Deutschland eroberte "Die Partei", gegründet von
Mitarbeitern des Satire-Magazins "Titanic", mit dem Slogan "Ja zu
Europa, Nein zu Europa" ein Mandat im Europäischen Parlament. Da sich
die Truppe nur "einen Karl" machte, prüft sie nun, die
Abgeordnetenstelle monatlich rotieren zu lassen.

In Island wurde vor vier Jahren ein Musiker und Clown zum
Bürgermeister von Reykjavik gewählt. Seine Spaßtruppe sanierte die
Finanzen der Hauptstadt. In Italien ist der Komiker Beppe Grillo zur
politischen Größe geworden, auch wenn niemand weiß, was er eigentlich
will - nicht einmal er selbst.

In Österreich hätten es solche Spaßparteien schwer, da in der echten
Politik öfters unfreiwillige Komik steckt, die nur schwer zu
übertreffen ist. Der Brief eines Finanzministers an zahlungswillige
Reiche, dass er deren zusätzliche Steuer-Bereitschaft "leider
ablehnen" müsse, gehört wohl dazu.

Dass sich FPÖ-Chef HC Strache mit einem russischen Nationalisten
trifft, dessen Ziel die Zerstörung der EU ist, fällt zwar in die
Kategorie schwarzer Humor, ist aber auch schwer zu übertreffen. Der
Auftritt von Finanz-Staatssekretärin Sonja Steßl in der "ZiB 2" wurde
auf Twitter mit dem Spruch begleitet: "Die beste Maschek-Folge seit
langem." Auch nicht ganz falsch.

Dem zugrunde liegt eigentlich eine Politik, die Ruhe zum
Gestaltungsprinzip erhoben hat. Nun wurde zwar schon mehrfach
bewiesen, dass dies nicht funktioniert, aber was kümmert Satire die
Wirklichkeit?

Solange sich dies alles im Rahmen bewegt, ist nichts dagegen
einzuwenden. Es entspricht durchaus dem Wesen der Österreicher,
Augenzwinkern und "Schau ma mal" zu vereinen.

In der Politik ist dies allerdings fatal, wenn es um die wesentlichen
Dinge geht. Die Funktionstüchtigkeit des Bankwesens gehört zu diesen
wesentlichen Dingen. Spätestens seit der Hypo Alpe Adria sollte allen
klar sein, dass langes Zuwarten auch immens teuer sein kann. Nun
laufen die Volksbanken in ein Kapital-Problem, aus dem es so leicht
kein Entrinnen gibt. Was tut die Regierung?

Deren Spitze hat am Freitag bei der Tagung des Städtebundes ein
Bekenntnis zum Finanzausgleich abgelegt. Frei nach dem Motto: "Ja zur
Reform, Nein zu Reform." Dafür wird man neuerdings gewählt,
allerdings in Deutschland.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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