- 04.06.2014, 18:30:31
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Was Draghi heute macht, ist falsch - von Herbert Geyer
Mehr Liquidität wäre genauso ein Fehler wie weiteres Nichtstun
Utl.:
Mehr Liquidität wäre genauso ein Fehler wie weiteres Nichtstun =
Wien (OTS) - Mario Draghi hat sich gewehrt, solange es ging. Trotzdem
wird der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) heute
Nachmittag vor die Presse treten und im Brustton der Überzeugung
jenen Beschluss seines Leitungsgremiums als beste aller möglichen
Lösungen verkaufen, den er seit Monaten verhindert hat.
Die EZB wird heute - da sind sich die Auguren so gut wie einig -
nicht nur eine weitere Senkung der Leitzinsen beschließen, sondern
wahrscheinlich auch erstmals negative Einlagezinsen und wohl auch
noch eine neuerliche Kreditaktion für die Banken, damit sie mehr
Liquidität an ihre Kunden weiterreichen können.
Der britische Staatsmann Winston Churchill hat einmal gemeint, da man
als Politiker nie wisse, ob man durch eine Aktion Wählerstimmen
verliere oder gewinne, könne man ja gleich das Richtige machen.
Für Draghi gilt das Gleiche: Er wurde wochenlang kritisiert, weil er
nichts gegen die Gefahr einer Deflation in der Eurozone unternahm.
Und er wird jetzt kritisiert, weil die überschießende Liquidität, die
die EZB nun in den Markt pumpt, dort natürlich zu Fehlallokationen,
Blasen und anderen unerfreulichen Nebenwirkungen führen kann und
wird.
Lange hatte Draghi geglaubt, die Deflationswarnungen durch verbale
Beschwichtigung in Schach halten zu können. Denn objektiv gibt es in
der Eurozone - einem Zusammenschluss von 18 Staaten mit
unterschiedlicher Konjunktur und weit auseinanderdriftenden
Inflationsraten - keine Deflationsgefahr.
In Österreich frisst die - bei Weitem nicht zu niedrige - Inflation
die Lohnzuwächse weg. Und in Griechenland gibt es zwar negative
Inflationsraten, aber dort haben jahrelange Sparpakete die Nachfrage
so zu Boden gedrückt, dass auch mehr Liquidität keine Lösung ist:
Wenn sich weder Konsumenten noch Unternehmen trauen, einen Kredit
aufzunehmen, dann helfen auch die niedrigsten Zinsen nicht.
Den Ausschlag gaben wohl die deutschen Inflationszahlen vom Mai: Wenn
sich selbst in der am besten aufgestellten Volkswirtschaft die
Inflationsrate binnen eines Monats halbiert, dann wird die Gefahr von
Deflation real. Wirtschaft besteht zu einem Gutteil aus Psychologie -
und wenn genügend Marktteilnehmer an Deflation glauben, dann kommt
sie auch.
Mario Draghi hat also keine Wahl. Er muss handeln. Auch wenn es ihm
gar nicht passt.
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