WirtschaftsBlatt-Leitartikel: "Ein Gespenst namens Deflation" - von Herbert Geyer

In Österreich steigen die Preise um 1,4 Prozent - von Deflation keine Rede

Wien (OTS) - Die Befragten einer Bloomberg-Umfrage sehen zwar mehrheitlich eine Erholung der Weltwirtschaft, wobei die USA und Europa die treibenden Kräfte sind - sie fürchten sich aber gleichzeitig auch mit großer Mehrheit vor einer Deflation in der Eurozone. Der Druck auf EZB-Chef Mario Draghi steigt also, den Markt mit zusätzlicher Liquidität zu fluten, um das Deflationsgespenst zu vertreiben.

Bisher hatte Draghi auf derartige Ansinnen stets mit einem besorgten Gesicht geantwortet und mit der Versicherung, bei Bedarf über eine Vielzahl von Instrumenten zu verfügen, um eine mögliche Deflation zu bekämpfen. Zuletzt in der Vorwoche, als Draghi mit der vagen Aussicht, im Juni vielleicht etwas unternehmen zu wollen, den Euro von seinen Spitzenwerten zum Dollar herunterholen konnte.

Draghi wird auch weiterhin versuchen, ohne zusätzliche Liquidität auszukommen - denn im Gegensatz zu breiten Teilen der (durchaus auch informierten) Öffentlichkeit, weiß er, dass im Euroland von Deflation keine Rede sein kann.

Und das nicht erst seit den ersten Schätzungen von Eurostat zur April-Inflation in der Eurozone, die zeigen, dass mit 0,7 Prozent Teuerung das Tief vom März (0,5 Prozent) bereits Vergangenheit ist. Denn für Draghi ist es evident, dass die Eurozone meilenweit von einer Deflation entfernt ist - deren wichtigstes Merkmal es ist, dass wegen der Erwartung sinkender Preise Investitionen und größere Anschaffungen aufgeschoben werden, was zu einer Spirale nach unten führt.

Die Eurozone ist kein homogener Wirtschaftsraum, sondern eine Ansammlung von 18 nur mäßig korrelierenden Volkswirtschaften mit höchst unterschiedlichem Wachstumstempo und höchst unterschiedlichen Inflationsraten: Bei einer März-Teuerung von 1,4 (Österreich und Malta) oder 1,3 Prozent (Finnland) kann von Deflation wahrlich keine Rede sein.

Und dass in Griechenland, Zypern, Portugal und Spanien die Preise fallen, hat mit Deflation nichts zu tun, dort bleiben Anschaffungen nicht wegen der Hoffnung auf weiter sinkende Preise aus, sondern vor allem deswegen, weil infolge der Sparpolitik das Geld dafür fehlt. Das sollte nun, wenn die Wirtschaft auch im Süden wieder Fahrt gewinnt, auch bald der Vergangenheit angehören. Mario Draghi dürfte die ständigen Deflationszwischenrufe bald überstanden haben.

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