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Wiener Zeitung: Leitartikel von Thomas Seifert: "Fahne statt Fortschritt"
Ausgabe vom 10. Mai 2014
Utl.: Ausgabe vom 10. Mai 2014 =
Wien (OTS) - Es war ein großer Tag für den russischen Präsidenten
Wladimir Putin. Am Tag der traditionellen Feiern für den Sieg über
Nazi-Deutschland besuchte er die Krim und wollte damit wohl auch
symbolisieren: Russland ist wieder wer. Während seine Vorgänger Boris
Jelzin und Michail Gorbatschow nicht mehr tun konnten, als den
Niedergang der Sowjetunion und dann der Russischen Föderation zu
verwalten, wohnt in Putins Besuch auf der von Russland annektierten
Krim das Versprechen inne, Russland wieder zu Glanz und Glorie zu
verhelfen. Eine Welle des Patriotismus schwappt über Russland und das
seit 1989 gedemütigte Imperium verspürt erstmals wieder so etwas wie
Selbstvertrauen.
Es wäre aber ein Fehler, wenn Wladimir Putin der eigenen Propaganda
von Stärke, Macht und wiedergewonnen imperialem Glanz auch glauben
würde. Denn Russland ist heute nicht viel mehr als das, was der
republikanische US-Senator John McCain wiederholt als "eine als Land
getarnte Tankstelle" bezeichnet hatte. Der patriotische Furor, den
Putin entfacht hat, soll wohl auch von Russlands Problemen ablenken.
Denn die Wirtschaft ist von kleptokratischen Oligarchen beherrscht,
die Industrie bringt kaum konkurrenzfähige Produkte hervor - eine
nagelneuer Sukhoi Superjet-100 stürzte gleich bei einem
Presse-Demonstrationsflug ab - und die soziale Ungleichheit in dem
einst kommunistischen Land ist ähnlich groß wie in Singapur oder
Kambodscha, während die europäischen Länder beinahe ohne Ausnahme auf
den vorderen Plätzen der Liste jener Länder mit der gerechtesten
Einkommensverteilung zu finden sind. Die Lebenserwartung eines heute
15-jährigen Jungen in Haiti ist drei Jahre länger als die für seinen
gleichaltrigen russischen Altersgenossen.
All diese für Russland beunruhigenden Tatsachen werden in einem Klima
des patriotischen Überschwangs, das von Wladiwostok bis Simferopol
herrscht, nicht diskutiert. Genauso wenig wie die Tatsache, dass nach
der Krim-Annexion selbst Russland früher freundlich gestimmte
Nachbarn wie Kasachstan oder Weißrussland Moskau fürchten müssen,
Europa sich nach Gas-Liefer-Alternativen umblickt und weiterhin keine
Chancen auf das Entstehen einer demokratischen Bürgergesellschaft in
Russland bestehen. Putin sollte sich nichts vormachen: Russland
braucht Fortschritt und nicht stolz im Wind flatternde Fahnen.
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