• 25.04.2014, 18:07:53
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Nichts für kühle Rationalisten"

Ausgabe vom 26. April 2014

Utl.: Ausgabe vom 26. April 2014 =

Wien (OTS) - Sakralisierung statt Säkularisierung: Kopfmenschen der
Moderne mögen ob der zuletzt gewachsenen Zahl der Heiligsprechungen
in der katholischen Kirche den Kopf schütteln; aber dieser Trend, der
nun mit der Heiligsprechung der beiden Päpste Johannes XXIII. und
Johannes Paul II. einen Höhepunkt erreicht, folgt einer anderen
Logik. Und dass diese funktioniert, davon zeugen die rund eine
Million Menschen, die an diesem Wochenende nach Rom pilgern.

Die Tradition der Heiligenverehrung gibt es in etlichen
Glaubenslehren, im Buddhismus, Hinduismus, im Judentum und sogar,
wenn auch versteckt, im Islam. Innerhalb des Christentums sind sie
aber eine (wenn auch nicht exklusive) Domäne des Katholizismus. Und
das gilt vor allem für seine volkstümliche Form.

Patrone gibt es hier für die Ammen und Bergarbeiter, für die
Bierbrauer, Anwälte, Bienenzüchter und Stewardessen; für die
Autofahrer, Abstinenzler, Fußballer und illegalen Migranten; für
Fußleiden, Geschlechtskrankheiten und Krebs; für die Arbeitsruhe, den
Frieden im Mittleren Osten und verlorene Sachen; gegen Ameisenplagen,
Freigeister und Ausbrüche des Ätna; ja sogar für Bankangestellte,
Steuerberater, Barkeeper und gegen Traurigkeit gibt es Bittsteller im
Himmel. Kurz: Es gibt praktisch nichts, wofür beziehungsweise wogegen
es in der katholischen Kirche keine Heiligen gibt. Allein dies zeigt
schon, welche zentrale Rolle die Heiligenverehrung im Alltag
einfacher Gläubiger spielte und in weiten Teilen noch immer spielt.
Und ausnahmsweise sind darunter gar nicht wenige Frauen.

Dahinter steckt natürlich Strategie, und keine dumme: Mit dem
Festhalten an der Praxis der Heiligsprechung stärkt die
Kirchenleitung, die - wie jede hierarchische Bürokratie - zur
Abgehobenheit neigt, ihre Verbindung zum lebendigen Volksglauben in
den zahllosen Ortskirchen. Dass sich im Zuge dessen auch das Papsttum
in seiner ganzen Herrlichkeit inszenieren kann, ist mehr als nur ein
angenehmer Nebeneffekt.

Und für alle Menschen, die sich mit dem Angst einflößenden Gedanken
an ein Nichts nach dem Tod nicht anfreunden wollen oder können,
bieten all die Heiligen jenen sprichwörtlich letzten Strohhalm, an
den man sich im Alltag wie in Notzeiten nur zu gerne klammert.

Wie gesagt: Das ist nichts für säkulare Intellektuelle, aber fast
lebenswichtig für eine lebendige Volkskirche.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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