OÖNachrichten-Leitartikel: "Die Kopfgeburt Europa", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 26. April 2014

Linz (OTS) - Großes Kino diese Woche beim Europa-Forum in der Oberbank mit den OÖN als Co-Veranstalter, wobei mit Wolfgang Schüssel und Edmund Stoiber zwei politische Zirkuspferde, befreit von den Zwängen des politischen Amtes, vorführten, was Politik sein müsste:
Das rhetorisch blendend vorgetragene, einmal laut und emotional, dann wieder leise und betont analytisch, aber immer logisch gedachte Eintreten für eine Vision, eine Idee, in diesem Falle für "Europa". Wie immer man zu den beiden Herren stehen mag, auch politisch und auch wenn man sie nicht mögen sollte: So müsste Politik eigentlich funktionieren, vom Kopf her geplant und sachlich argumentierend, aber zugleich mit Emotion und Gefühl vorgebracht, daher vor allem fesselnd, also mit Kanten.
Nicht, dass an diesem Abend die vielen Schattenseiten ausgespart blieben: Regelungswut, Nord-Süd-Gefälle, Missbrauch. Diese Seiten werden von den Europa-Skeptikern zur Genüge ausgebreitet, ohne dass sich ausreichend Leute finden, die dem die größeren Argumente entgegenstellen. Dass Europa nur zwei Prozent der Weltfläche abdeckt, nur noch fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber noch immer 25 Prozent der Wirtschaftsleistung. Letzteres ist bedroht und jedes Land in Europa für sich gesehen zu klein, um sich dem alleine zu stellen. Auf Dauer wird es sich Europa nicht leisten können, ausschließlich US-amerikanischen Multis - von Amazon bis Google - digital ausgeliefert zu sein, will es sein Gewicht in der Welt halten. Dafür brauchen wir Europa.
Nur 800 Kilometer von Österreich entfernt droht ein kriegerisches Szenario. Auch dafür brauchen wir Europa. Oder wenn wir an die Beseitigung der Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa denken -teilweise bei über 50 Prozent gelegen -, brauchen wir Europa und die Solidarität aller.
Eine Antwort allerdings wurde beim Forum nicht gegeben. Wie kann dies alles und denen vermittelt werden, die sich mit der Kopfgeburt Europa nicht sachlich auseinandersetzen wollen, die diese Argumente nicht verstehen können oder wollen, weil sie mit Europa nur Emotionen verbinden, meistens negative? Entsprechend verläuft der Wahlkampf. Von europäischen Zielen und Projekten ist kaum die Rede, es geht um Innenpolitik mit einem großen Reibebaum, der sich
Europa nennt. Schade!

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