- 23.04.2014, 18:25:05
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Gefährliche Routine"
Ausgabe vom 24. April 2014
Utl.: Ausgabe vom 24. April 2014 =
Wien (OTS) - Die Krise in der Ukraine köchelt vor sich. Auf Signale
einer Entspannung kommen Tage verbaler Drohgebärden, denen immer
öfter Taten folgen. Aufmarschpläne werden umgesetzt, Truppen verlegt,
neue Rüstungsprojekte beschlossen.
Die Schlagzeilen und Eilmeldungen sind Routine - für die Medienmacher
wie für die Bürger. Die Berichte werden einander ähnlicher und
ähnlicher, Wiederholungen stellen sich ein. War das jetzt gestern
oder doch heute, dass der US-Außenminister gemahnt, sein russisches
Pendant gedroht, die EU appelliert und Kiew Vergeltung geschworen
hat?
Irgendwie scheint alles erklärt, analysiert und kommentiert.
"Journalismus ist Wiederholung" lautet zwar ein alter, aber wahrer
Aphorismus der Medienbranche. Der Druck nach neuen Geschichten ist
dennoch übermächtig. Diese strukturelle Unfähigkeit zur
Beharrlichkeit ist ein Luxus, den sich allenfalls die
Unterhaltungsindustrie leisten können sollte, nicht aber kritische
Medien.
Ja, der Westen ist auf die Zusammenarbeit mit Moskau angewiesen, sei
es beim Atom-Konflikt mit dem Iran, auf der Suche nach Lösungen für
Afghanistan und Syrien oder den Kampf gegen den islamistischen
Terrorismus. Ja, wir brauchen Russland, wenn es um eine sichere
Energieversorgung, internationale Abkommen gegen die Klimaerwärmung
und für nukleare Abrüstung oder den Zugang zur Arktis geht. Und ja,
ohne die Veto-Macht Russland ist der UNO-Sicherheitsrat nur ein
wertloser Debattierklub.
Wir leben zweifellos in keiner perfekten Welt. Das zwingt zu
ständigen Kompromissen, nicht zuletzt auch auf Kosten eigener
Prinzipien und Überzeugungen. Aber wenn alles so furchtbar
kompliziert ist, alles mit allem zusammenhängt, hilft es mitunter,
den Blick auf das Wesentliche zu richten, um wieder den Überblick zu
gewinnen. Etwa auf grundsätzliche Fragen von richtig oder falsch.
Aktuell betrifft dies die Frage nach dem Wert internationaler
Verträge und Abkommen, nach der Gültigkeit des Prinzips, dass Grenzen
nicht einseitig geändert werden können, nach der Frage, ob nationale
Minderheiten ein Freibrief für militärische Aggression sein dürfen.
Betrachtet man den Konflikt in der Ukraine auf diese Weise, fällt die
Frage nach der Antwort Europas und der USA eindeutig aus.
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