Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Gefährliche Routine"

Ausgabe vom 24. April 2014

Wien (OTS) - Die Krise in der Ukraine köchelt vor sich. Auf Signale einer Entspannung kommen Tage verbaler Drohgebärden, denen immer öfter Taten folgen. Aufmarschpläne werden umgesetzt, Truppen verlegt, neue Rüstungsprojekte beschlossen.

Die Schlagzeilen und Eilmeldungen sind Routine - für die Medienmacher wie für die Bürger. Die Berichte werden einander ähnlicher und ähnlicher, Wiederholungen stellen sich ein. War das jetzt gestern oder doch heute, dass der US-Außenminister gemahnt, sein russisches Pendant gedroht, die EU appelliert und Kiew Vergeltung geschworen hat?

Irgendwie scheint alles erklärt, analysiert und kommentiert. "Journalismus ist Wiederholung" lautet zwar ein alter, aber wahrer Aphorismus der Medienbranche. Der Druck nach neuen Geschichten ist dennoch übermächtig. Diese strukturelle Unfähigkeit zur Beharrlichkeit ist ein Luxus, den sich allenfalls die Unterhaltungsindustrie leisten können sollte, nicht aber kritische Medien.

Ja, der Westen ist auf die Zusammenarbeit mit Moskau angewiesen, sei es beim Atom-Konflikt mit dem Iran, auf der Suche nach Lösungen für Afghanistan und Syrien oder den Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Ja, wir brauchen Russland, wenn es um eine sichere Energieversorgung, internationale Abkommen gegen die Klimaerwärmung und für nukleare Abrüstung oder den Zugang zur Arktis geht. Und ja, ohne die Veto-Macht Russland ist der UNO-Sicherheitsrat nur ein wertloser Debattierklub.

Wir leben zweifellos in keiner perfekten Welt. Das zwingt zu ständigen Kompromissen, nicht zuletzt auch auf Kosten eigener Prinzipien und Überzeugungen. Aber wenn alles so furchtbar kompliziert ist, alles mit allem zusammenhängt, hilft es mitunter, den Blick auf das Wesentliche zu richten, um wieder den Überblick zu gewinnen. Etwa auf grundsätzliche Fragen von richtig oder falsch.

Aktuell betrifft dies die Frage nach dem Wert internationaler Verträge und Abkommen, nach der Gültigkeit des Prinzips, dass Grenzen nicht einseitig geändert werden können, nach der Frage, ob nationale Minderheiten ein Freibrief für militärische Aggression sein dürfen.

Betrachtet man den Konflikt in der Ukraine auf diese Weise, fällt die Frage nach der Antwort Europas und der USA eindeutig aus.

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