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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Die Mär von der Normalität"
Ausgabe vom 11. April 2014
Utl.: Ausgabe vom 11. April 2014 =
Wien (OTS) - "Anleger reißen sich um griechische Staatsanleihen", so
titelten am Donnerstag Agenturen und Medien: Mitunter gelingt es,
einen Zustand verwirrter Orientierungslosigkeit in knappe Worte zu
fassen - "Griechenland" und "Anleger" passen gemeinhin ja ähnlich gut
zusammen wie Feuer und Wasser.
Tatsächlich lässt sich mit ein wenig Geschick die griechische
Tragödie zur Erfolgsgeschichte ummünzen. Die Anleihen waren
schließlich wirklich um ein Vielfaches überzeichnet, der Zinssatz von
fast 5 Prozent kein Vergleich zu den 30 Prozent am Höhepunkt der
Krise.
Hinzu kommt, dass Griechenland 2013 einen Primärüberschuss (ohne
Zinsbelastungen) von drei Milliarden Euro erzielte. Bezogen auf das
BIP sank das Minus binnen vier Jahren von 15,6 auf 4,7 Prozent. Und
jetzt die umjubelte Rückkehr der "Pleite-Griechen" an die
Finanzmärkte.
Das ist der Stoff, aus dem politische Mythen von Rettung und
Wiederauferstehung gesponnen werden. Selbst in unseren so säkularen
Zeiten ist der Bedarf an solchen Geschichten hoch, und wenn Wahlen
vor der Tür stehen, umso mehr.
Wie es der Zufall will, finden Ende Mai die Wahlen zum EU-Parlament
statt. Für die wacklige Koalition in Athen geht es dabei um das
nackte politische Überleben. Sollte es der linkspopulistischen
Syriza-Partei gelingen, stärkste Kraft zu werden, rechnen Beobachter
mit baldigen Neuwahlen in Griechenland. Mit der Reformpolitik, die
das Land in ein funktionierendes Gemeinwesen nach europäischen
Maßstäben umzuwandeln versucht, könnte es dann vorbei sein. Die
Euro-Krise wäre mit Wucht zurück.
Die Ruhe war ohnehin trügerisch. Die Inszenierung über die wundersame
Genesung Hellas veranschaulicht dies. Nüchtern betrachtet steckt das
Land nämlich weiter bis über beide Ohren in Problemen. Der Gang an
die Finanzmärkte ist deshalb vor allem der Versuch, so etwas wie
Normalität vorzutäuschen. Dafür nimmt das Land sogar in Kauf,
deutlich höhere Zinsen berappen zu müssen, als es über den Umweg der
Troika-Hilfspakete der Fall wäre. Zugeschlagen haben hier vor allem
ausländische Investoren. Deren Vertrauen in die Solidarität der
europäischen Steuerzahler ist offensichtlich zurückgekehrt.
Immerhin, dass die Griechen am Donnerstag erneut zum Generalstreik
gerufen wurden, ging in den Jubelmeldungen gänzlich unter.
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