• 01.04.2014, 10:15:34
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BELVEDERE: Zwischen den Seiten

Künstlerbücher aus der Sammlung Giovanni Aldobrandini

Utl.: Künstlerbücher aus der Sammlung Giovanni Aldobrandini =

Wien (OTS) - Künstlerbücher als magische Orte der Sprache, der
bildenden Kunst und der menschlichen Kommunikation stehen im
Mittelpunkt der Ausstellung Zwischen den Seiten, die von 2. April bis
25. Mai 2014 im Winterpalais zu sehen ist. Kostbare und seltene Werke
aus der Sammlung Giovanni Aldobrandinis, die erstmals in Österreich
gezeigt werden, laden zu einem Streifzug durch die Geschichte des
Künstlerbuchs im 19. und 20. Jahrhundert ein.
Die Exponate stammen aus einer über Jahre von Giovanni Aldobrandini
zusammengetragenen Privatsammlung. Mit großer Sorgfalt zeichnet die
Sammlung den historischen Verlauf dieser oft wenig bekannten, aber
wichtigen künstlerischen Ausdrucksform nach und fasziniert mit
aufwändig gestalteten Büchern von William Blake, Francisco de Goya,
Pierre Bonnard, Oskar Kokoschka, Paul Klee, Henri Matisse oder Pablo
Picasso. Originallithografien und -stiche in limitierten,
nummerierten Auflagen auf Velin d'Arches oder kostbarem Papier aus
Japan und China - anfangs auf losen Blättern, in weiterer Folge
veredelt durch wertvolle Einbände - zeigen einige der bedeutendsten
Beispiele für Publikationen der wichtigsten künstlerischen Bewegungen
dieser Kunstgattung.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich - ausgehend
von der Künstlerstadt Paris und dank innovativ denkender Verleger und
Kunsthändler wie Ambroise Vollard, E. Tériade und Iliazd - der
Gedanke, dass der bildnerische Teil auf einer Buchseite nicht nur als
Unterstützung des Textes dienen, sondern autonom mit diesem in Dialog
treten sollte. Malerei und Literatur galten als zwei komplementäre
Mittel ein und desselben künstlerischen Ausdrucks. Maler, von Bonnard
bis Picasso, von Matisse bis Maillol, die sich auch als Dichter und
Schriftsteller betätigten und einander häufig kannten und in Kontakt
standen, schufen die ersten bedeutenden illustrierten Bücher dieser
Gattung. Die Ausstellung Zwischen den Seiten im Winterpalais zeichnet
mit großer Sorgfalt den historischen Verlauf dieser künstlerischen
Kreationen nach und fasziniert mit geschichtlichen Einblicken in die
Kunstform Buch im Allgemeinen und interessanten Details zur Historie
der Techniken Stich, Malerei, Grafik und Fotografie im Besonderen.

Künstlerbücher - Entstehung und Entwicklung

Das Künstlerbuch entstand in der Nachfolge der jahrhundertealten
Tradition des illustrierten Buches. Von den Inkunabeln des 15.
Jahrhunderts spannt sich der Bogen bis zu den Buchillustrationen des
19. Jahrhunderts, die Künstler wie Goya, Blake, Manet und Delacroix
gestalteten. Später trugen Illustratoren von Art nouveau und Art déco
zur Produktion edler, eleganter Bände bei.

Als Ausdrucksmittel der Avantgarden der Moderne wurde das
Künstlerbuch im 19. und 20. Jahrhundert zu einem Ort des Experiments,
wo sich Maler, Typografen, Dichter und Philosophen an neuen
künstlerischen Formen des Lesens versuchten. Mit seinem zehn
Doppelseiten umfassenden Langgedicht Le coup des dés setzte Stéphane
Mallarmé ebenso einen Grund- und Meilenstein in dieser Kunstgattung
wie der Begründer des Futurismus Filippo Tommaso Marinetti mit seinen
typografischen Arbeiten. Frankreichs große Meister der Malerei wie z.
B. Henri Matisse schufen die ersten Künstlerbücher in der Sprache der
Maler.

In den 1920er-Jahren wurde von künstlerischen Strömungen,
insbesondere jenen der Avantgarde wie den italienischen Futuristen,
den russischen Konstruktivisten und Suprematisten, den Vertretern des
Bauhaus, den deutschen Expressionisten und den Dadaisten, eine immer
größere Anzahl von Büchern publiziert. Bücher wurden als Medien
verstanden, die einerseits eine kommunikative Vernetzung der Künstler
untereinander ermöglichten und andererseits Kunst einer breiten
Öffentlichkeit näherbringen sollten. Daher lag das Hauptaugenmerk
nicht darauf, besonders luxuriöse und teure Werke zu publizieren,
sondern Bücher jeder Art - wobei aber auch diese häufig
Originalstiche enthielten und in limitierter Auflage erschienen.

Unter diesen Avantgardebewegungen war der Surrealismus jene
künstlerische Strömung, die den Künstlerbüchern die größte
Aufmerksamkeit schenkte und durch ästhetisch innovative Bücher und
die Einbindung von Fotografen wie z. B. Man Ray unterschiedlichste
Ausdrucksformen einsetzte. Diese Bücher wurden zur persönlichen
Äußerung der Künstler selbst. Damit konnten sie ihr
Gestaltungsspektrum immer wieder erweitern und neue Chiffrierungen
festlegen. Maler, Schriftsteller und Regisseure wie Tristan Tzara,
André Breton, René Char und Jean Cocteau entwickelten in persönlichen
Treffen zahlreiche Buchprojekte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich das Zentrum der modernen
Kunst nach Amerika. Wenngleich auch in Europa weiterhin
Künstlerbücher veröffentlicht wurden, nahmen doch die neuen
amerikanischen Kulturströmungen - vom abstrakten Expressionismus bis
hin zur Pop Art, von Alexander Calder und Ellsworth Kelly bis zu Jim
Dine - diese Kunstform in ihren Besitz.

In den 1960er-Jahren gaben Pop Art, Fluxus, Arte Povera, vor allem
aber die Konzeptkunst dem Künstlerbuch einen neuen Schub. Der Ansatz
von Fluxus mit der Utopie, eine Kunst für jedermann zu sein, zeigte,
wie Druckerzeugnisse für eine schnelle Verbreitung von Ideen und
Strategien eingesetzt werden konnten.

Publikationen von Künstlern wie z. B. Ed Ruscha - heute als Book Arts
bezeichnet - wurden wegen ihres originellen redaktionellen Konzepts
geschätzt und vom Künstler ohne Zwang seitens des Verlegers
gestaltet. Oft wurden die Texte von den Künstlern selbst verfasst,
andere Materialien als Papier eingesetzt (Objektbücher) oder
fotografische Kompositionen zu Photobooks konzipiert.

Auch zeitgenössische Künstler wie Antoni Tàpies oder Joseph Beuys
befassten sich mit diesem Genre, aber auch Anselm Kiefer setzt sich
immer wieder mit dem Künstlerbuch in traditioneller und innovativer
Form auseinander. Der Bogen der Künstlerbücher spannt sich damit von
der Konzeptkunst über die abstrakte Kunst, die Arte Povera und die
Transavantgarde bis in unsere heutige Zeit.

Die Ausstellung "Zwischen den Seiten. Künstlerbücher aus der Sammlung
Giovanni Aldobrandini" ist von 2. April bis 25. Mai 2014 im
Winterpalais zu sehen.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | BEL

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