- 30.03.2014, 13:00:03
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Rede des Bundespräsidenten anlässlich der Kranzniederlegung beim Mahnmal für die jüdischen Opfer der Shoah
Auftakt des dreitägigen Staatsbesuches von Shimon Peres in Österreich
Utl.: Auftakt des dreitägigen Staatsbesuches von Shimon Peres in
Österreich =
Wien (OTS) -
Hochgeschätzter Herr Präsident Shimon Peres!
Sehr verehrte Ehrengäste!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ich bin schon oft hier in Wien vor diesem Mahnmal für die jüdischen
Opfer der Shoah in Österreich gestanden, habe einen Kranz
niedergelegt, habe voll Betroffenheit der Opfer gedacht und mich für
die Täter geschämt.
Aber heute ist ein ganz besonderes Gedenken, weil es in Gegenwart des
Präsidenten des Staates Israel erfolgt.
Und so darf ich Präsident Shimon Peres respektvoll willkommen heißen,
aber auch den verehrten Herrn Oberrabbiner, den verehrten Herrn
Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde und alle, die sich zum
gemeinsamen Gedenken eingefunden haben, herzlich begrüßen.
Der Judenplatz in Wien ist - wie schon der Name sagt - ein besonderer
Ort für dieses Gedenken, ist er doch auf vielfache Weise eng mit der
jahrhundertealten jüdischen Geschichte in Österreich verbunden.
Er erinnert nicht nur an die lange Tradition einer jüdischen Gemeinde
in Wien, sondern auch an die schlimmen Verfolgungen, denen Jüdinnen
und Juden im Lauf der Jahrhunderte immer wieder ausgesetzt waren.
Die Verfolgungen des Mittelalters und der nachfolgenden Jahrhunderte
sollten aber nicht die letzten bleiben.
Im Gegenteil: Die bei weitem schlimmsten Verbrechen an Jüdinnen und
Juden waren dem 20. Jahrhundert vorbehalten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, lebten in Wien fast 200.000 Jüdinnen
und Juden - eine blühende Gemeinde und ein bedeutender Teil der
vielfältigen Kultur des alten Wien.
Es war das Wien von Sigmund Freud, von Arthur Schnitzler, von Hans
Kelsen, von Theodor Herzl, von Gustav Mahler, von Karl Kraus, von
Stefan Zweig, von Bertha von Suttner, von Hugo von Hofmannsthal, von
Arnold Schönberg, von Adolf Loos, etc. etc.
Auch diesen und vielen anderen Größen des Geistes- und Kulturlebens
hat der verbrecherische Holocaust den Krieg erklärte und wollte sie
aus dem Gedächtnis der Menschheit restlos auslöschen.
Nach dem so genannten Anschluss an das Deutsche Reich im März 1938
wurden rund 100.000 österreichische Jüdinnen und Juden aus ihrer
Heimat vertrieben; manche sind schon vor 1938 ausgewandert; etwa
65.000 wurden ermordet. Darunter auch Angehörige der Familie meiner
Frau. Nur ganz wenige haben überlebt.
Der Judenplatz spiegelt also einen besonders tragischen Teil der
österreichischen Geschichte wider, aber auch den Umgang allzu vieler
mit dieser Geschichte - nämlich das jahrelange Verdrängen und
Vergessen ebenso wie das späte Erinnern.
Ich freue mich sehr, an dieser Stelle auch einige ehemals vertriebene
Österreicherinnen und Österreicher, die sich in diesen Tagen auf
Einladung des Jewish Welcome Service in unserem Land aufhalten,
begrüßen zu dürfen.
Sehr geehrter Herr Präsident!
Man muss einbekennen, dass der Umgang mit der Zeit des
Nationalsozialismus in diesem Land auch nach dem Ende des Krieges
über lange Zeit weitgehend von unsicherem Schweigen, von schlechtem
Gewissen und vom Versuch des Verdrängens geprägt war.
Erst in den letzten 25 Jahren hat Österreich als Resultat eines
schwierigen Prozesses der Bewusstmachung endlich eine grundlegende
und wichtige Wandlung in seinem historischen Bewusstsein vollzogen:
█ Vom Vergessen hin zum Erinnern.
█ Von der Verdrängung hin zum Eingestehen und Annehmen der
Mitverantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus.
█ Von der Verharmlosung des Antisemitismus zur klaren, eindeutigen
und konsequenten Verurteilung jeder Form des Antisemitismus, die ich
auch hier und heute mit aller Bestimmtheit bekräftige.
Unerlässliche Schritte in diesem Prozess waren die Suche nach
Wahrheit sowie klare Worte des Bedauerns und der Entschuldigung.
Die Annahme der eigenen Geschichte in all ihren Aspekten hat in den
vergangenen Jahren in Österreich auf vielfältige Weise ihren Ausdruck
gefunden - nicht nur in der Anerkennung und Unterstützung der Opfer
(wie sie beispielsweise durch den Österreichischen Nationalfonds
erfolgt), nicht nur durch die Kontaktaufnahme mit möglichst vielen
Emigrantinnen und Emigranten, nicht nur durch intensive historische
Forschungsarbeit, sondern auch durch das bewusste Bewahren der
Erinnerung an die Fakten der Geschichte und an menschliche
Schicksale.
Das "Niemals wieder" der Opfer des Nationalsozialismus muss
hochgehalten und weitergetragen werden.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Am 25. Oktober 2000 wurde hier auf dem Judenplatz dieses Mahnmal von
Rachel Whiteread, vor dem wir heute stehen, enthüllt.
Es ist Ausdruck des Gedenkens an die 65.000 österreichischen Opfer
der Shoah und Ausdruck unserer Verantwortung für die Taten der
Vergangenheit.
Jedes der steinernen Bücher steht symbolisch für ein Opfer des
Holocaust und seine Geschichte. Es sind Bücher ohne Namen und
tatsächlich sind viele Opfer bis heute namenlos geblieben - und doch
war jedes einzelne ausgelöschte Leben einzigartig und unersetzlich.
Wenn wir heute an diesem Mahnmal gemeinsam mit dem Staatspräsidenten
von Israel Kränze niederlegen, so tun wir dies im gemeinsamen
Gedenken an die im Holocaust ermordeten Menschen und in Verbundenheit
mit den Überlebenden dieser Menschheitstragödie.
Unser Erinnern enthält das Versprechen, dass wir bereit und
entschlossen sind aus der Geschichte zu lernen.
Das Leiden und Sterben der Opfer, vor denen wir uns gemeinsam
verneigen, darf und wird nicht vergeblich und auch nicht vergessen
sein.
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