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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Sägen am gemeinsamen Ast"
Ausgabe vom 26. Februar 2014
Utl.: Ausgabe vom 26. Februar 2014 =
Wien (OTS) - Aus gegebenem Anlass erreicht das Klagen über die
Qualität unserer Politiker einmal mehr einen neuen Höhepunkt.
Tatsächlich machen seit Jahrzehnten die größten Talente jeder
Generation einen großen Bogen um die Politik und alles, was mit
dieser zusammenhängt. Dazu zählen auch die Medien. Leider. Das hat
selbstredend vielfältige Gründe, und nicht alle sind zur Gänze selbst
verschuldet, etwa die anhaltende ökonomische Misere am Medienmarkt.
Aber entscheidende sind es eben doch.
In ihrer verhängnisvollen wechselseitigen bedingungslosen
Abhängigkeit lassen Politik und Medien nur wenig unversucht, an jenem
Ast zu sägen, auf dem sie beide gemeinsam sitzen. Und die
vielgepriesenen Neuen Sozialen Medien, die doch eigentlich Teilhabe
und Informationsfluss demokratisieren wollten, haben vor allem jener
Häme und Gehässigkeiten ein Publikum verschafft, die früher nur
hinter vorgehaltener Hand im kleinen Kreis geäußert wurde.
Nur eine ganz besondere Art von Talent fühlt sich von einem solchen
Biotop angezogen, welches einem weitgehend voraussetzungslosen
rasanten Aufstieg fast nichts - jedenfalls nichts Substanzielles - in
den Weg legt: die Blender und Täuscher, die Spielernaturen und die
Grenzgänger. Jörg Haider und Karlheinz Grasser etwa, und unzählige
Geringere von ähnlichem Kaliber, verfügten unbestritten über großes
Talent. Nur hat es dem Land wenig genutzt, dafür unendlich viel
geschadet.
Aber was soll man auch erwarten von einer politischen Kultur, in der
es genügt, aus einem Sample von 300 Befragten mit selektiver
Fragestellung als Erstgereihter hervorzugehen, um schon als neuer
Superstar der Innenpolitik ausgerufen zu werden. Und sodann vom
Kanzler abwärts für alle möglichen und unmöglichen Funktionen des
öffentlichen Lebens als tauglich befunden wird. Ohne jeden relevanten
Leistungsnachweis, wohlgemerkt.
Das zu ändern, wäre eigentlich eine der drängenderen Aufgaben von
Österreichs Politik. Revolutionen sind dabei keine vonnöten; es würde
genügen, sich an bewährte Prinzipien aus anderen Lebensbereichen zu
halten: Professionelle Nachwuchsarbeit, behutsame Karriereplanung
inklusive der Chance, Fehler zu machen und aus diesen zu lernen. Und
eine kritische Berichterstattung, die verlässlich heiße Luft von
wirklichen Skandalen zu unterscheiden vermag.
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