- 20.02.2014, 11:55:28
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21. Februar: Tag der Muttersprache: Förderung in Gebärdensprache für gehörlose Kinder muss im Kindergarten beginnen
Österr. Gehörlosenbund: Barrieren im Bildungssystem für gehörlose Menschen nach wie vor enorm

Utl.: Österr. Gehörlosenbund: Barrieren im Bildungssystem für
gehörlose Menschen nach wie vor enorm =
Wien (OTS) - "Der Tag der Muttersprache erinnert mich an 'täglich
grüßt das Murmeltier', wir fordern jedes Jahr das Gleiche - nämlich
die Umsetzung des Menschenrechts auf bilingualen Unterricht in
Gebärdensprache", stellt Mag. Helene Jarmer, Präsidentin des
Österreichischen Gehörlosenbundes, fest. Es gibt kaum gehörlose
PädagogInnen - dabei ist es gerade in der Frühförderung so wichtig,
bilinguale Angebote zu setzen. "Denn Zweisprachigkeit ist die
Grundvoraussetzung für die Chancengleichheit gehörloser Kinder und
Jugendlicher", so Jarmer.
"Es ist ein Skandal - bereits seit 2005 ist die Österreichische
Gebärdensprache (ÖGS) als eigenständige Sprache in der Verfassung
verankert. Aber an der miserablen Bildungssituation für gehörlose
Menschen hat sich in den letzten neun Jahren nichts geändert", empört
sich Jarmer. Es gibt keine inhaltlichen Reformen, es fehlt ein
Lehrplan für bilingualen Unterricht und auch das Unterrichtsfach ÖGS
existiert nicht. " Man muss sich das vorstellen - nicht einmal an
Gehörlosenschulen wird ÖGS unterrichtet. Und von flächendeckender
bilingualer Förderung in Kindergärten ist man ebenfalls weit
entfernt", erklärt Jarmer.
In Österreich gibt es rund 10.000 gehörlose Menschen, deren
Muttersprache die ÖGS ist. Im Gegensatz zur deutschen Laut- und
Schriftsprache ist ÖGS für gehörlose Menschen die einzige Sprache, in
der sie sich vollständig und barrierefrei ausdrücken können. "Daher
ist es auch so wichtig, dass gehörlose Kinder bereits im Kindergarten
von gebärdensprachkompetenten Personen betreut werden. Das ist die
Basis für die weitere Bildungslaufbahn", erklärt Jarmer.
Doch an eben dieser Basis scheitert es. Der Kindergarten
Gussenbauergasse in Wien ist der einzige öffentliche Kindergarten,
der ein vorbildliches bilinguales Betreuungsmodell anbietet. In den
anderen Bundesländern sieht es nicht viel anders aus. Seitens der
Kindergärten ist durchaus Interesse vorhanden, gehörlose PädagogInnen
einzustellen, weiß Gabriele Koppensteiner, Leiterin des Kindergartens
Gussenbauergasser: "Aber es ist extrem schwierig, qualifiziertes
gehörloses Personal zu finden."
Die Gründe dafür kennt Karin Lang nur zu gut. Sie absolvierte nach
der Matura ein 4-semestriges Kolleg in Wien und ist derzeit die
einzige von der Stadt Wien beschäftigte gehörlose
Kindergartenpädagogin: "Es gibt viele gehörlose Menschen, die gerne
eine derartige Ausbildung machen würden, die meisten scheitern schon
am Aufnahmeprozedere. Ich hab kämpfen müssen, dass ich aufgenommen
werde, unzählige Briefe geschrieben, bürokratische Hürden überwinden
müssen. Meine Eltern haben mich sehr unterstützt, schließlich hat man
mich für ein halbes Jahr als außerordentliche Studierende aufgenommen
und dann übernommen."
Vielfach sind die pädagogischen Institutionen nicht vorbereitet
auf die Aufnahme gehörloser InteressentInnen. Da gibt es
Nachholbedarf erklärt Helene Jarmer: "Gerade wieder ist uns ein
bedauerlicher Fall bekannt worden - eine junge gehörlose Frau bewarb
sich für den Lehrgang zur interkulturellen Mitarbeiterin in
Kindergärten bei der Landesakademie Niederösterreich. Nach einem
positiv verlaufenen Bewerbungsgespräch erhielt sie monatelang keine
Information, ob sie nun aufgenommen würde oder nicht. Und das trotz
mehrfacher Urgenzen ihrerseits. Mittlerweile ist der Lehrgang beinahe
schon im zweiten Semester und sie weiß immer noch nicht Bescheid -
das ist auch eine Form von Diskriminierung", berichtet Jarmer.
Die Forderungen liegen auf der Hand, so Jarmer weiter, es brauche
bilinguale Kindergärten in allen Bundesländern, entsprechende
pädagogische Materialien in Österreichischer Gebärdensprache und -
essentiell für die sprachliche Vorbildwirkung - qualifizierte
KindergartenpädagogInnen, die selbst gehörlos sind. "Es kann nicht
sein, dass gehörlose Menschen der miserablen Bildungssituation
ausgeliefert sind. Sie haben genauso ein Recht auf Teilhabe an der
Gesellschaft wie andere StaatsbürgerInnen auch", stellt Helene Jarmer
klar.
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