• 19.02.2014, 17:43:37
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Kiew ist Europa"

Ausgabe vom 20. Februar 2014

Utl.: Ausgabe vom 20. Februar 2014 =

Wien (OTS) - Die Regierung in Moskau hat also offenkundig
entschieden, sich die Ukraine wieder einzuverleiben. Der russische
Präsident Wladimir Putin will der Zar eines Großrussland werden, die
Europäische Union hat sich diesem Wunsch gefälligst unterzuordnen.
Anders lassen sich das Blutbad in der Ukraine und der von Präsident
Wiktor Janukowitsch ausgerufene "Anti-Terror-Kampf" nicht erklären.

Die Eskalation in Kiew folgt dem bekannten russischen Konzept, wonach
immer die andere Seite den ersten Stein geworfen habe, nun müsse "mit
allen Mitteln die Rechtsstaatlichkeit wiederhergestellt werden". Tote
und Verletzte werden dabei bedenkenlos in Kauf genommen.

Angesichts der Tragödie hat die EU endlich reagiert, doch bei weitem
nicht stark genug. Denn eigentlich müssten die Sanktionen auch
Russland treffen. Doch das russische Erdgas, das uns im Winter wärmt,
wiegt offenbar immer noch schwerer als jede Form von
Menschenrechtsverletzung. Auch das wird sich ändern müssen.

Was würde die EU wohl unternehmen, wenn sich Ähnliches in Rom,
Warschau oder Wien abspielte? Das ist die Frage, die zu stellen ist.
Denn Kiew ist Europa, und die ukrainische Bevölkerung orientiert sich
insgesamt und überwältigend am europäischen Lebensstil. Europa ist
allerdings keine Karotte, sondern eine Wertegemeinschaft, und an
deren erster Stelle stehen die Menschenrechte.

Es sind daher nicht nur die Institutionen der Europäischen Union
aufgerufen, die Gewalt in der Ukraine zu stoppen, sondern sämtliche
auf den Menschenrechten fußende Institutionen. Die christlichen
Kirchen haben nun ihre Verantwortung wahrzunehmen, aber auch die
westlichen Investoren im Land. Der Kampf gegen diese Aggression wird
auch den Westen wirtschaftlich treffen, zweifellos.

Doch in der Ukraine sterben Menschen, weil sie eines Systems
überdrüssig sind, das pseudo-demokratisch und korrupt ist. Mit dem
Blutbad in Kiew, angefeuert von Milliarden-Zahlungen aus Russland,
hat das Regime gezeigt, wo es hin will. Trotz Straßensperren fahren
am Maidan Busse aus dem ganzen Land vor, um zu zeigen, dass dieser
Weg nicht ihrer ist. Nun muss Europa zeigen, wo es steht, wozu es
bereit ist und vor allem, wie stark es in Wahrheit ist. Und erst
danach mit Russland verhandeln.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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