WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Setzen wir doch auf Tradition - von Isabell Widek

Der Staat sollte die Hand auch über kleine Unternehmen halten

Wien (OTS) - Gleich vorweg: Mitleid ist nicht angebracht. Der Edelgreißler Julius Meinl am Graben hat mithilfe seiner drei Dependancen - nach einigen verlustreichen Jahren davor - 2012 wieder ordentlich Umsatz gemacht. Und kann daher nach menschlichem Ermessen seine Kämpfe gut selbst ausfechten. Dennoch ist der schwelende Streit um die Miete am Standort in der Wiener Innenstadt (das WirtschaftsBlatt berichtete) durchaus Anlass, sich auch die standortpolitische Komponente des Falls anzusehen.

Denn jeder Hauseigentümer hat selbstverständlich das Recht, die Mieten seiner Immobilien - noch dazu in Top-Lagen - anzuheben. Und jeder Mieter hat selbstverständlich das Recht, sich dagegen - auch gerichtlich - zu wehren.

Aufregung herrscht vor allem deshalb, weil die Meinl-Kundschaft -entgegen der landläufigen Meinung - nicht ausschließlich aus Hofratswitwen, Opernsängern und Burgschauspielern in Rente besteht. Das Delikatessengeschäft hat sich neben seiner Funktion als Spezialladen für Ausgefallenes auch zum Touristenmagneten entwickelt. Mittlerweile ist ein Besuch dort für Städtereisende ebenso selbstverständlich, wie man im Zuge eines Aufenthalts in London zu Harrods und in New York zu Dean & DeLuca geht. Vermutlich hatte der Lebensmittelriese Rewe auch das im Hinterkopf, als er vor zwei Jahren mit Merkur am Hohen Markt und Billa Corso im Herrnhuterhaus Mitbewerber in unmittelbarer Nähe etablierte.

Aber ebenso, wie es schützenswerte Industriebetriebe gibt, über die der Staat die Hand hält, sollte die Politik auch Kleine unterstützen. Vor allem, wenn sie als Sightseeing-Spots gelten. Im Sinne einer effizienten Standortpolitik gilt es, eine Lösung anzustreben, die als Best Practice für alle künftigen Konflikte - auch in anderen Geschäftsbereichen - gelten kann.

Dies ist vor allem auch im Interesse der vielen kleinen und mittleren Unternehmen, die es geschafft haben, sich in den vielen Seitengassen der Wiener City anzusiedeln (siehe Artikel Seite 4).

Ob es sie nun schon seit Jahren oder erst seit Monaten gibt, viele der aufstrebenden Modedesigner, Schmuckverkäufer und Bio-Suppenküchen profitieren von der Sogwirkung der großen Flaggschiffe ringsum - und werden so mit der Zeit selbst zu Traditionsbetrieben, die uns Touristen und Geld in die Stadt bringen.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt Medien GmbH
Tel.: 0043160117-305
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001