- 03.02.2014, 18:31:41
- /
- OTS0149 OTW0149
Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "1848, wirklich?"
Ausgabe vom 4. Februar 2014
Utl.: Ausgabe vom 4. Februar 2014 =
Wien (OTS) - Manche Burschenschafter wollen so um den 8. Mai durch
die Wiener Innenstadt "spazieren gehen". Die Organisatoren verweisen
dabei auf den entsprechenden Termin 1848, als Burschenschaften bei
der bürgerlichen Revolution ihre Rolle spielten. Die Botschaft der
Organisatoren lautet: Wir sind die Guten, unsere Vorfahren haben für
die Freiheit, wie wir sie kennen, gekämpft.
Großartig, aber leider grundfalsch, denn es sind die falschen
Burschenschaften, die den kommenden "Spaziergang" und jüngst auch den
Akademikerball ausrichteten. Das Problem dahinter sind nicht ein paar
Schwarzblock-Idioten, die als selbsternannte Krypto-Antifaschisten
Schaufenster einschlagen und in Wahrheit nur blöd sind wie die Nacht
finster.
Politisch steckt dahinter die unklare Abgrenzung der Burschenschaften
untereinander. Denn Burschenschaft ist nicht gleich Burschenschaft,
selbst wenn sich alle auf die bürgerliche Revolution von 1848
berufen. Der Cartellverband (ÖCV) ist im Moment in der ÖVP besonders
en vogue, so gut wie alle ÖVP-Regierungsmitglieder und deren
Landeshauptleute sind Mitglieder. Als Organisation von katholischen
Studentenverbindungen muss das auch niemanden wundern, viele
SPÖ-Funktionäre waren schließlich auch im "Verband Sozialistischer
Studenten Österreichs".
Im CV bleiben die "Konservativen" allerdings auch, wenn sie im
Berufsleben stehen, das gibt der Gruppierung gesellschaftlichen
Einfluss, mithilfe der ÖVP sogar beträchtlichen Einfluss. Auch das
ist grundsätzlich kein Problem, jede Alumni-Gruppe funktioniert so.
Das Problem dieser Burschenschaften ist, dass sie sich öffentlich
nicht zu ihrer Unterschiedlichkeit bekennen. Schlagende
Burschenschaften, die nicht der ÖVP, sondern der FPÖ nahestehen,
vertreten Thesen, die heute zu Recht als faschistisch gelten.
Liberale Burschenschaften scheuen aber vor der klaren Trennung, 1848
gilt als gemeinsames Jahr. Im Endeffekt führt dies dazu, dass
ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka das Dollfuß-Bild im ÖVP-Parlamentsklub
nicht abhängen will, obwohl wir - dank "profil" - nun auch wissen,
dass Dollfuß Bürger des Landes vergasen wollte. Es wird im Mai erneut
zu heftigen Protesten kommen; warum, müssen sich die Burschenschafter
selber fragen. Die Polizei, wie immer sie im Mai vorgehen wird, ist
nicht der Schuldige.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR






