Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "1848, wirklich?"

Ausgabe vom 4. Februar 2014

Wien (OTS) - Manche Burschenschafter wollen so um den 8. Mai durch die Wiener Innenstadt "spazieren gehen". Die Organisatoren verweisen dabei auf den entsprechenden Termin 1848, als Burschenschaften bei der bürgerlichen Revolution ihre Rolle spielten. Die Botschaft der Organisatoren lautet: Wir sind die Guten, unsere Vorfahren haben für die Freiheit, wie wir sie kennen, gekämpft.

Großartig, aber leider grundfalsch, denn es sind die falschen Burschenschaften, die den kommenden "Spaziergang" und jüngst auch den Akademikerball ausrichteten. Das Problem dahinter sind nicht ein paar Schwarzblock-Idioten, die als selbsternannte Krypto-Antifaschisten Schaufenster einschlagen und in Wahrheit nur blöd sind wie die Nacht finster.

Politisch steckt dahinter die unklare Abgrenzung der Burschenschaften untereinander. Denn Burschenschaft ist nicht gleich Burschenschaft, selbst wenn sich alle auf die bürgerliche Revolution von 1848 berufen. Der Cartellverband (ÖCV) ist im Moment in der ÖVP besonders en vogue, so gut wie alle ÖVP-Regierungsmitglieder und deren Landeshauptleute sind Mitglieder. Als Organisation von katholischen Studentenverbindungen muss das auch niemanden wundern, viele SPÖ-Funktionäre waren schließlich auch im "Verband Sozialistischer Studenten Österreichs".

Im CV bleiben die "Konservativen" allerdings auch, wenn sie im Berufsleben stehen, das gibt der Gruppierung gesellschaftlichen Einfluss, mithilfe der ÖVP sogar beträchtlichen Einfluss. Auch das ist grundsätzlich kein Problem, jede Alumni-Gruppe funktioniert so.

Das Problem dieser Burschenschaften ist, dass sie sich öffentlich nicht zu ihrer Unterschiedlichkeit bekennen. Schlagende Burschenschaften, die nicht der ÖVP, sondern der FPÖ nahestehen, vertreten Thesen, die heute zu Recht als faschistisch gelten.

Liberale Burschenschaften scheuen aber vor der klaren Trennung, 1848 gilt als gemeinsames Jahr. Im Endeffekt führt dies dazu, dass ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka das Dollfuß-Bild im ÖVP-Parlamentsklub nicht abhängen will, obwohl wir - dank "profil" - nun auch wissen, dass Dollfuß Bürger des Landes vergasen wollte. Es wird im Mai erneut zu heftigen Protesten kommen; warum, müssen sich die Burschenschafter selber fragen. Die Polizei, wie immer sie im Mai vorgehen wird, ist nicht der Schuldige.

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