WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Mehr Mut zur Risikoabwägung - von Andre Kühnlenz

Die Wirtschaftsdelegierten sollten offen über Risiken informieren

Wien (OTS) - Manchmal sollten wir weghören, wenn Österreichs Außenwirtschaftskammer fremde Länder anpreist. Im Sommer etwa schwärmte der Wirtschaftsdelegierte in Istanbul noch in höchsten Tönen von der Türkei. Da waren die politischen Unruhen vom Frühjahr gerade erst abgeklungen. Die brutalen Polizeieinsätze gegen Demonstranten im Gezi-Park waren zwar noch in guter Erinnerung: Doch immerhin legte der Absturz der Landeswährung Lira eine Pause ein -was Hoffnung auf eine politische und wirtschaftliche Stabilisierung weckte.

Dabei ist es nur zu verständlich, wenn Österreichs Firmen neue Expansionsziele suchen. Jahrelang fanden sie ihr Heil nur in den östlichen Nachbarstaaten. Die Region sucht aber seit der Finanzkrise noch immer nach einem neuen Wachstumsmodell. Doch gilt es dabei, nicht die Risiken aus den Augen zu verlieren. Leider hört man davon selten etwas von Österreichs Wirtschaftsdelegierten.

Es bringt österreichischen Unternehmen wenig, wenn ihnen zwar die Chancen und Vorzüge von Investitionen in fernen Ländern angepriesen werden - sie aber bei der Risikoeinschätzung oft alleingelassen werden. Selbstverständlich hat auch niemand etwas davon, wenn nur alles schwarzgemalt wird. Es braucht eine realistische Abwägung von Risiken und Chancen. Alles andere wäre fast schon verantwortungslos.

Dann kann es auch nicht passieren, dass nur wenige Wochen, bevor der Korruptionsskandal in der türkischen Regierung ausbrach, das Land noch als Hort der Stabilität in der Region bejubelt wird, wie es der Wirtschaftsdelegierte Ende September vor Journalisten tat. Dabei war schon damals klar, dass die Auslandsverschuldung der Türken längst wieder wächst, wie zum Beispiel das WirtschaftsBlatt bereits im Sommer warnte.

Genau diese außenwirtschaftliche Instabilität hatte das Land aber dafür anfällig gemacht, dass ein Vertrauensverlust gegenüber der Regierung das ganze Land an den Abgrund treibt: Ausländer zogen in den vergangenen Wochen deswegen ihr Kapital ab und prügelten so die Währung in den Keller. Jetzt bleibt der Notenbank nichts anderes übrig, als die Zinsen drastisch zu erhöhen. Das aber könnte der Wirtschaft in den nächsten Monaten zumindest eine gefühlte Krise bescheren. Es wäre zu wünschen, dass die Wirtschaftsdelegierten Österreichs über solche Risiken mehr und auch öffentlich informieren.

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