- 27.01.2014, 18:30:44
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Fragile Finanzwelt"
Ausgabe vom 28. Jänner 2014
Utl.: Ausgabe vom 28. Jänner 2014 =
Wien (OTS) - Vor einem Jahr blickte Europa neidisch auf Länder wie
die Türkei, Indonesien, Indien, Brasilien, Russland. Während Europa
dahindümpelte, ging in diesen Ländern richtig die Post ab. Nun
blicken Europa, aber auch die USA erneut auf diese Länder - aber
angstvoll. Es hat eine Kapitalflucht eingesetzt, die alle in Unruhe
versetzt. In der Türkei gibt es Krisensitzungen in der Notenbank,
weil der Verfall der türkischen Lira bedrohlich geworden ist.
Argentinien hat die Dollar-Käufe beschränkt, auch andere
Schwellenländer überlegen Kapitalrestriktionen.
Die aktuelle Entwicklung ist nicht ungefährlich, denn der Verfall der
Landeswährungen großer Länder sorgt auch für Verluste in den Bilanzen
der Exportindustrie - und der Banken.
Und es darf getrost angenommen werden, dass auch westliche Banken mit
großen Schocks noch nicht sehr gut umgehen können. Was wäre also im
Ernstfall zu tun? Sie nochmals retten?
Das Geld, das diese Länder an der Schwelle zur "Ersten Welt" nun
fluchtartig verlässt, hat in der Krise fluchtartig die
Industriestaaten verlassen. Nun kommen viele drauf, dass auch dort
"Blasen" entstanden sind, die zu Preisrückgängen führen werden. Rette
sich, wer kann, raus aus den Märkten, heißt die Devise.
Erstaunlich daran ist, dass die Finanzindustrie im weitesten Sinn
(nicht nur Banken) aus der von ihr 2007 ausgelösten Krise wenig
gelernt hat. Sie borgte sich in Europa und den USA billiges Geld aus
und ging damit in Hochzins-Länder. Nun kommt der kapitalkräftige Zug
der Lemminge drauf, dass dies nicht nachhaltig ist - und flüchtet.
Blöd nur, dass nicht sie es sind, die über die Klippe springen,
sondern die jeweilige Bevölkerung. Als Reaktion auf die Kapitalflucht
werden in diesen Ländern die Zinsen steigen - was wiederum dort die
Kredite verteuert und das ohnehin schrumpfende Wachstum abwürgt.
Millionen Menschen werden in die Armut geschickt werden, ohne zu
wissen warum und auch ohne vorher vom Boom profitiert zu haben.
Was sich derzeit abspielt, ist ein erneutes Beispiel, dass die
globale Finanzwirtschaft der größte Hemmschuh für eine sozial
ausgewogenere Welt ist. Wenn die EU-Gremien in den kommenden Wochen
die Bankenunion besprechen, mögen sie vorher einen tiefen Blick auf
die bisher beschützten Finanzmärkte werfen. Und endlich handeln.
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