WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die heimliche Macht Chinas - von Andre Kühnlenz

China dürfte auch 2013 der größte Gläubiger des Euroraums gewesen sein

Wien (OTS) - Wo die Chinesen ihren riesigen Devisenschatz anlegen, daraus machen sie ein gut gehütetes Geheimnis. Nur einmal im Quartal berichtet die Volksrepublik, welche Summe sie hortet: Ende 2013 war es der unfassbare Rekordbetrag von 3,82 Billionen US-$. Bekannt ist allerdings, dass ein Großteil als Darlehen an die USA fließt. Doch ausgerechnet Europa weiß nicht Bescheid, wie viel die Chinesen im alten Kontinent investiert haben.

Dieses fatale Desinteresse ist eine Gefahr für Demokratie, Wirtschaft und den Wohlstand im Euroraum. Immerhin: Medien berichten davon, dass die Notenbank in Peking sich grob an der Anlagestrategie der Zentralbanken in anderen Schwellenländern orientiert. Demnach dürfte China aktuell knapp 24 Prozent in Euro-Wertpapieren halten. Das wären 650 Milliarden Euro - 50 Milliarden Euro mehr als vor einem Jahr.

Die Volksrepublik dürfte damit ihre Position als größter Gläubiger des Euroraums verteidigt haben. So genau weiß es aber leider niemand, weil niemand genaue Daten erhebt. Sind es vielleicht Staatsanleihen aus Deutschland, Griechenland oder doch eher aus Spanien? Leihen die Chinesen lieber hiesigen Banken ihr Geld oder stecken sie hinter den Gläubigern des Euro-Rettungsfonds ESM? Nicht einmal die Europäische Zentralbank (EZB) hat eine Übersicht über die Anlagen Chinas. Wie es besser geht, das machen die USA vor: Dort werden monatlich Daten erhoben. Das US-Finanzministerium macht sich sogar die Mühe, einmal im Jahr herauszufinden, wie viele Dollar-Wertpapiere zum Beispiel China bei Banken in London, Hongkong und Singapur erwirbt.

Als aufgeklärter Bürger des zweitgrößten Wirtschaftsraums der Welt wüsste man allerdings schon sehr gern, welche Hauptstadt wie abhängig von den Chinesen ist. Wie frei sind unsere Regierungen noch in ihren Entscheidungen - oder redet Peking bereits insgeheim mit, wenn die Staaten über ihre Ausgaben entscheiden? Wie wirkungsvoll kann die EU-Kommission eigentlich mit Sanktionen in Handelsstreitigkeiten drohen, wenn China jederzeit drohen könnte, den Kredithahn zuzudrehen?

Es gilt, die demokratische Unabhängigkeit der Staaten im Euroraum zu wahren. Auch aus wirtschaftlichem Interesse müssen so schnell wie möglich bessere Daten her. Wenn die EZB bald die größten Banken im Euroraum beaufsichtigt, wäre dies eine wichtige Aufgabe, die ganz oben auf ihrer Agenda stehen sollte.

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