WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der leise Rückzug aus Osteuropa - von Christian Kreuzer

Statt Expansion ist für Austro-Banken ein Abschied aus Randmärkten angesagt

Wien (OTS) - Österreichs Banken haben ihrer Strategie in Osteuropa nach der Finanzkrise eine neue Richtung gegeben. Nicht mehr Expansion um jeden Preis ist angesagt, sondern eine Fokussierung auf bestimmte Märkte. Man könnte dies auch als leisen Rückzug aus der einst boomenden Region bezeichnen. Vor allem die Randländer, die nicht Mitglied der Europäischen Union sind, werden abgestoßen oder es wird zumindest ein Ausstieg in Betracht gezogen.

Als Vorreiter hat sich die Bank Austria entpuppt, die nach einem Milliardendesaster ihre kasachische Tochter verkaufte; die Erste Group hat sich - ebenfalls nach einem großen Verlust - von ihrer ukrainischen Bank getrennt. Fehlt noch der dritte österreichische Player in der Region, Raiffeisen: Auch die Giebelkreuzer prüfen entsprechende Angebote für ihre Ukraine-Tochter, die jetzt wieder Gewinne schreibt, aber in der Vergangenheit ein riesiges Minus anhäufte. Warum gerade diese Länder für einen Rückzug gewählt werden, liegt auf der Hand: Die rechtliche Situation unterscheidet sich gravierend von jener in der EU. Zudem befinden sich diese Staaten oftmals in einer schwierigen politischen Lage, die die wirtschaftliche Entwicklung hemmt, was sich wiederum auf die Bankbilanzen negativ auswirkt. In Zeiten, in denen das Kapital knapp ist - Österreichs Institute sind nach wie vor vergleichsweise schwach kapitalisiert -, ist die Konzentration auf weniger Märkte durchaus sinnvoll.

Die Kehrseite davon ist, dass die Banken von einigen wenigen Märkten im Osten abhängig werden. Und das zeigt sich jetzt schon: So stammt ein Großteil des Gewinns der Bank Austria aus Russland und der Türkei, die sich wirtschaftlich derzeit stark präsentieren, politisch aber nicht als Hort der Stabilität gelten. Raiffeisen ist de facto zu fast 100 Prozent vom Russland-Geschäft abhängig. Läuft es dort nicht mehr rund und verharren andere Märkte wie Ungarn weiterhin im Minus, bekommt Raiffeisen-Bank-International-Chef Karl Sevelda ein immenses Problem. Auch ein Rückzug aus Ungarn, der nach wochenlangen Gerüchten vor wenigen Tagen abgesagt wurde, könnte die Situation nicht entschärfen. Allerdings würde ein Abschied aus dem Nachbarland eine neue Dimension darstellen - nicht nur, weil Ungarn EU-Mitglied ist, sondern weil es ein Kernland der einstigen Ost-Strategie ist. Aus dem leisen Rückzug würde dann sehr schnell ein ganz lauter werden.

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