Schluss mit Polemik: ELGA muss endlich seriös und offen diskutiert werden!

Das Präsidium der NÖ Ärztekammer bezieht klar Stellung zur Einführung der elektronischen Gesundheitsakte

Wien (OTS) - "Die letzten Tage waren geprägt von kontroversen, und vor allem polemischen Diskussionen rund um ELGA", so Dr. Christoph Reisner, MSc, Präsident der NÖ Ärztekammer. "Unzählige Journalisten, Ärztinnen und Ärzte sowie betroffene Patientinnen und Patienten haben uns kontaktiert, um Informationen über unsere Einstellung zu ELGA zu erfahren. Daher werde ich die Haltung des Präsidiums der NÖ Ärztekammer zur elektronischen Gesundheitsakte im Folgenden detailliert erläutern", so der Ärztechef aus Niederösterreich.

"Die NÖ Ärztekammer gibt derzeit KEINE Empfehlung zur Abmeldung oder Nicht-Abmeldung von ELGA ab. Jeder Bürger dieses Landes soll sich selbst ein Bild machen, ob ELGA für ihn in Frage kommt oder nicht", stellt Präsident Dr. Reisner klar. Auch zur Entscheidung der Gesellschaft zu ELGA hat die NÖ Ärztekammer eine eindeutige Meinung:
"Die Einführung von ELGA wird seit Jahren geplant, die Bundesregierung ist durch die Wahlen bestätigt worden. Das ist aus demokratischer Sicht ein klares Bekenntnis der Bevölkerung zur Regierungspolitik, also auch zu ELGA. Und das müssen wir akzeptieren."

Empfehlung pro oder kontra Abmeldung wird derzeit NICHT gegeben

Zu einer funktionierenden Demokratie gehört aber auch mögliche Kritik. "Wir akzeptieren die Entscheidung, auch wenn wir ELGA für eine unglaubliche Verschwendung von Steuergeld halten. Aber es ist schlicht und einfach nicht die Aufgabe einer Ärztekammer, über Verwendung von Steuergeld zu befinden. Wenn der Bürger das mehrheitlich so will, dann ist das zu akzeptieren", so Präsident Dr. Reisner weiter. Kein Arzt hat aus seiner Sicht übrigens Angst vor einer größeren Kontrollmöglichkeit durch ELGA. "Die gesetzlichen Grundlagen für den ärztlichen Beruf sowie die Verrechnungsmodalitäten in den Krankenhäusern und bei den Sozialversicherungsträgern führen bereits heute dazu, dass jede einzelne Diagnose und jede einzelne erbrachte Leistung unserer Ärztinnen und Ärzten für die Administratoren des Systems nachvollziehbar elektronisch dokumentiert wird", so Dr. Reisner weiter.

Die Strukturen für einen geregelten Austausch von Gesundheitsdaten wären sogar auch ohne ELGA längst vorhanden. "Der Austausch von Befunden oder die Wechselwirkungskontrolle von Medikamenten sind längst im ärztlichen Berufsbild verankert." Dass das heute noch nicht so funktioniert wie es könnte, liegt jedoch aus seiner Sicht nicht an den heute schon bestehenden technischen Möglichkeiten, sondern an der von der Politik etablierten Struktur des Systems. "Zu einer geregelten Übermittlung besteht keine Verpflichtung und es ist an vielen Stellen nicht einmal genügend Arbeitskapazität für eine zeitgerechte Übermittlung vorhanden. Und das ist auch unser Hauptkritikpunkt: Ein derartig unausgereiftes technisches System über ein ineffizientes, dringend verbesserungswürdiges Gesundheitssystem drüberzuziehen, wird massive Probleme nach sich ziehen."

ELGA darf zu keiner Einschränkung der medizinischen Tätigkeit führen

Und DIESE Probleme befinden sich im Verantwortungsbereich der NÖ Ärztekammer: "Denn wir müssen dafür sorgen, dass unsere Ärztinnen und Ärzte ihren Beruf korrekt ausüben können." Präsident Dr. Reisner erläutert: "Wir Ärztinnen und Ärzte haben bei unserer Berufsausübung eine enorme Fülle an rechtlichen Vorschriften zu beachten. Wenn diese Vorschriften nicht mehr erfüllbar sind, dann ist auch das korrekte Betreiben von Medizin nicht mehr möglich. Wenn wir nun gezwungen werden "Hilfsmittel" zu benutzen, dann muss auch gewährleistet sein, dass diese mit der rechtlich und medizinisch korrekten Ausübung des ärztlichen Beruf vereinbar sind, und das sehen wir derzeit bei ELGA nicht."

So wäre eine ELGA an sich ja keine schlechte Errungenschaft. "Aber in der konzipierten Form und vor allem aufbauend auf diesem Gesundheitssystem ist sie unbrauchbar. Sie wird uns massiv unnötige Zeit kosten, die keinem Patienten etwas bringt. Und diese Zeit muss irgendwo herkommen. Sollte ELGA aus diesem Grund zu organisatorischen Problemen in den Ordinationen oder zu arbeitsrechtlichen Problemen in den Krankenhäusern führen, dann müssen wir mit aller Kraft einschreiten", warnt Präsident Dr. Reisner.

Zusammenfassung: Mehraufwand muss ausgeglichen werden

Präsident Dr. Reisner fasst die Meinung des Präsidiums der NÖ Ärztekammer zusammen: "Wir empfehlen derzeit keinen Widerspruch zu ELGA. Wir nehmen ELGA als Ganzes zur Kenntnis, weil der Wähler entschieden hat, dass er diese ELGA haben will. Wir halten ELGA in der derzeit geplanten Form jedoch für eine enorme Verschwendung von Steuergeld, weil die Umsetzung technisch unausgereift ist und vor allem die notwendigen strukturellen Voraussetzungen im Gesundheitssystem nicht vorhanden sind."

Die Aufgabe der NÖ Ärztekammer besteht darin, darüber zu wachen, dass alle Ärztinnen und Ärzte ihre berufliche Verpflichtung gesetzestreu erfüllen können. "ELGA muss also so beschaffen sein, dass ihre Bedienung zu keiner Einschränkung der medizinischen Tätigkeit führt. Da ELGA in Summe aus unserer Sicht zu einem vermehrten Zeitaufwand führen wird, gehen wir von einem erhöhten Personalaufwand aus. Schließlich sind nirgendwo freie Personalkapazitäten vorhanden. Daher wird es zu einer deutlichen Vermehrung sowohl der Planstellen in den Spitälern als auch der Kassenstellen kommen müssen. Und auch die Leistungskataloge müssen an ELGA angepasst werden."

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