• 07.01.2014, 17:31:31
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Inflations-Legenden"

Ausgabe vom 8. Jänner 2014

Utl.: Ausgabe vom 8. Jänner 2014 =

Wien (OTS) - Das Jahr 2013 endete in der Eurozone mit einer
Inflationsrate von kaum noch sichtbaren 0,8 Prozent. Das ist
angesichts des Geschreis um die Hyper-Inflation, die durch das
Gelddrucken der Notenbanken bevorstehen soll, erstaunlich. Und
bestürzend, denn in Südeuropa ist eine Deflation, also sinkende
Preise, die reale Gefahr. Sinkende Preise bedeuten dort sinkende
Beschäftigung und Löhne, das Wohlstandsgefälle in Europa würde noch
steiler werden.

Dass die Bevölkerung vor extremer Teuerung Angst hat, ist historisch
verständlich, aber irrational. Als die Europäische Zentralbank (EZB)
und die US-Notenbank Fed begannen, mit einer wahren Geldschwemme das
Feuer der Krise zu bekämpfen, tauchten die Inflationsängste wieder
auf. (Genährt von jener Finanzindustrie, die mit extremen
Preissprüngen Milliarden scheffelt.)

Nun mag das Argument, dass die gefühlte Inflation höher ist als die
tatsächliche, einen wahren Kern haben - von Hyper-Inflation ist aber
auch dann keine Rede. Denn die alte Formel, wonach die von
Notenbanken betriebene Geldschöpfung für die Teuerung verantwortlich
ist, stimmt nicht mehr. Für die EZB gilt das gar nicht, denn sie hat
2013 ihre Bilanzsumme um mehr als 20 Prozent reduziert. Zweitens geht
diese Inflationserwartung von Annahmen aus, die im Reich der Legende
anzusiedeln sind: Informations-Gleichstand und rationales Verhalten.
Den global wichtigen Zinssatz "Libor" manipulierten wenige
Finanzinstitute auf Kosten von hunderten Millionen Menschen. Und die
Bocksprünge bei Aktien und Devisen sind das Gegenteil von rational.

Sicher ist dagegen, dass die Konsumneigung in Europa gering ist und
die Nachfrage ein ungleich stärkerer Inflationstreiber wäre. Die
Teuerung wird also niedrig bleiben, und das noch länger.

Der Mythos Inflation verstellt allerdings den Blick auf die reale
Gefahr einer Deflation. Sinkende Preise verhindern
Wirtschaftswachstum. Die EZB wird also stur bei ihrem niedrigen
Zinssatz bleiben. Hilfreich ist dies nur, wenn die Europäer wieder
Vertrauen schöpfen und sich Investitionen zutrauen. Dann wird das
Wachstum anspringen, werden Jobs geschaffen. Denn die
Inflations-Angstmacher verstellen auch den Blick darauf, dass
Massenarbeitslosigkeit für eine Gesellschaft, und damit jeden
Einzelnen, viel gefährlicher ist als ein paar Prozent Teuerung.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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