• 23.12.2013, 17:28:35
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Glauben und Zweifel"

Ausgabe vom 24. Dezember 2013

Utl.: Ausgabe vom 24. Dezember 2013 =

Wien (OTS) - Die ersten Spuren jener Idee, wonach das Leben mit dem
Tod doch nicht vorbei sein könnte, verorten Archäologen vor rund
120.000 Jahren. Was diese frühen Menschen genau gedacht haben, wie es
dann weitergehen werde, lässt sich heute allenfalls vermuten; aber
dass sie an ein Weiterleben der Verstorbenen glaubten, lässt sich
annähernd schlüssig aus gefundenen Grabbeigaben ableiten.

Nachdem im Menschen aber auch jener Geist fest verankert ist, der
stets verneint, kann getrost davon ausgegangen werden, dass die
ersten Zweifler den ersten Gläubigen auf den Fuß folgten. Paradox,
aber beide haben einander nicht nur bekämpft, sondern auch
befruchtet.

Seit dieser Zeit ist die Idee des Glaubens aus der Geschichte nicht
mehr wegzudenken. Im Guten wie im Schlechten. Und mittlerweile hat
sich auch die progressive Auffassung, dass die Moderne mit dem Tand
der Religionen aufräumen werde, erledigt. Die Vorstellung, der Mensch
könnte sich zum unumschränkten Herrscher seiner Welt erheben, ist für
die allermeisten noch immer kein beruhigender Gedanke. Das Misstrauen
gegen die eigene Natur sitzt tief und ist, nach allem, was die
Geschichte an Erfahrungen bereithält, berechtigt - checks & balances
quasi, nur eben transzendental.

Dabei ist der Mensch bei einer Aufgabe tatsächlich auf sich selbst
zurückgeworfen, nämlich wenn es darum geht, die Urgewalt religiöser
Energie auch für die Menschen einzusetzen. Noch immer spielt der
Glaube auf fast jedem Schlachtfeld der Gegenwart auf die eine oder
andere Weise eine Rolle - und fast nie, oder jedenfalls viel zu
selten, die des Friedensstifters.

Was das Christentum angeht, das dieser Tage die Geburt seines
Erlösers vor mehr als zweitausend Jahren feiert, so entfaltet sich
vor den Augen der Weltöffentlichkeit derzeit in Rom ein enormes
Experiment. An keiner anderen der großen Weltreligionen nagt der
Zweifel der Moderne so sehr wie am Christentum in seinem historischen
Kernland Europa. Der neue Papst aus der neuen Welt will diesen
schleichenden Niedergang nicht als unabänderlichen Lauf der
Geschichte akzeptieren. Stattdessen verpasst er seiner 2000 Jahre
alten Kirche einen Crashkurs mit den sehr weltlichen Problemen der
Gegenwart. Hoffentlich macht ihm nicht die verlorengegangene
Fähigkeit vieler Schäflein, sich für eine Sache über längere Zeit zu
begeistern, zu schaffen.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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