• 04.12.2013, 14:19:45
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Traditionsreiche Auszeichnung bildet Wiens Kreativität ab (2)

Wien (OTS) - Die Laudatio zu den 12 Ausgezeichneten von Dr. Bernhard
Denscher, Leiter der Wiener Kulturabteilung.

Sehr geehrte Ehrengäste!
Sehr geehrte Damen und Herren!

"Man ist in Europa vor nichts mehr bange als vor dem totalen
Bankrott, dem, wie es scheint, ganz Europa entgegengeht, und vergisst
darüber die weit gefährlichere, wie es scheint unvermeidliche Pleite
in geistiger Hinsicht, die vor der Tür steht."

Was hier so bedrückend aktuell klingt, stammt aus dem Jahr 1836 und
ist eine treffende Analyse des dänischen Philosophen Sören
Kierkegaard, der angesichts einer damals drohenden Wirtschaftskrise
die grundlegende Bedeutung der geistigen Werte betonte.

Es ist erfreulich, dass wir heute im Namen der Stadt Wien einen
Personenkreis ehren dürfen, der bei aller spannenden
Unterschiedlichkeit der Tätigkeiten eines ganz sicher gemeinsam hat,
nämlich durch sein bisheriges Schaffen starke Impulse gegen eine
"geistige Pleite" - wie das Kierkegaard nennt - gegeben zu haben und,
wie wir alle hoffen, weiterhin geben wird.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, begleiten Sie mich bitte zu
einem naturgemäß straffen aber - wie ich doch hoffe -
aussagekräftigen Überblick über die beeindruckenden Leistungen
unserer Ehrengäste. Der Weg führt dabei streng alphabetisch von der
Architektur bis zu den Wissenschaften.

Welch hervorragende Qualität der Wohnbau in Wien haben kann, beweisen
Arbeiten von Mag. Werner Neuwirth. Zu nennen sind da etwa die
Wohnhausanlage Donaufelder Straße oder die Anlage "generationen:
wohnen am mühlgrund", die Werner Neuwirth gemeinsam mit den
renommierten Architekten Adolf Krischanitz und Hermann Czech geplant
hat. Beide Bauten verbinden in beeindruckender Weise eine hohe
ästhetische und städtebauliche Qualität mit einer gelungenen
Funktionalität. Eine weitere Bereicherung unserer Stadt ist das
Projekt "Interkulturelles Wohnen" am ehemaligen Nordbahnhof, wofür
dessen Mastermind Werner Neuwirth der Idee alle Ehre machte und ein
Züricher und ein Londoner Architekturbüro zur Mitarbeit einlud. Das
Konzept ging auf: in der Anlage wohnen mittlerweile Bewohnerinnen und
Bewohner aus 20 verschiedenen Herkunftsländern. Neben dem Wohnbau hat
Werner Neuwirth noch eine ganze Reihe verschiedenster Aufgaben in
uneitler und stets der Sache verpflichteten Weise geschaffen. Das
Spektrum reicht dabei von der Fachhochschule in Steyr bis zu dem
gemeinsam mit Adolf Krischanitz entworfenen Museum Tauernbahn in
Schwarzach im Pongau.

Von der Architektur zur Bildenden Kunst ist es nicht weit: Dies
trifft besonders auf das Schaffen von Frau Magistra Dorothee Golz zu,
die sich unter anderem intensiv mit Projekten im öffentlichen Raum
beschäftigt. Ihre Techniken und Aufgabenstellungen sind darüber
hinaus überaus vielfältig und umfassen nahezu das gesamte Spektrum
künstlerischer Ausdrucksformen. Inhaltlich dominiert im Werk der
documenta-Teilnehmerin Golz die Auslotung der Spannungsfelder
"Wahrheit" und "Wahrnehmung". Ich denke, Sie haben für authentische
Recherchen in diesem Bereich mit Wien ein ideales Terrain gefunden;
hat doch bekanntlich schon Ludwig Wittgenstein bezüglich des - wie
er es nannte - "guten Österreichischen" festgestellt: "seine Wahrheit
ist nie auf Seiten der Wahrscheinlichkeit". Besonders in den neueren
Arbeiten von Dorothee Golz findet man ein raffiniertes Spiel mit der
Wahrnehmung von Kunst, insbesondere von klassischen Werken der
Malerei. Aus Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrring" wird da etwa
bei Golz eine junge selbstbewusste Frau in Jeans und Ballerinas -
eine Arbeit, die mittlerweile sehr oft publiziert wurde.
Dass die sogenannte Wirklichkeit ein Konstrukt unserer Wahrnehmung
ist, dieser Aspekt ist auch eine Konstante im Werk von
Universitätsprofessor Frantisek Lesák.

Und auch hier bietet die Kunstgeschichte ein reichhaltiges Gebiet für
Recherche, Analyse und künstlerische Produktion. Vom Motiv des
Heuhaufens bei Monet bis zu den penibel herausgearbeiteten Elementen
eines Bildes von Gustave Courbet reicht dabei das Spektrum. Frantisek
Lesák, der über 20 Jahre lang Universitätsprofessor für Plastisches
Gestalten und Modellbau an der Fakultät für Architektur und
Raumplanung der Technischen Universität Wien war, widmete sich nicht
nur Fragen der Raumgestaltung, sondern auch der Verbalisierung von
Raum: "Texttreue" und "Raumdeutsch" heißen demgemäß auch große
Arbeiten von ihm. Angesichts der letztgenannten Arbeit, einer
monumentalen Rauminstallation im Wiener Künstlerhaus, zitierte Franz
Schuh den Karl Kraus`schen Aphorismus, der allgemein gut zum Werk von
Frantisek Lesák passt: "Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner
sieht es zurück."

"Der künstlerische Ansatz von Matta Wagnest beruht auf Modellen der
Wahrnehmung, die medienüber- und durchschreitend auf Veränderungen
von Identitätsverhältnissen in räumlichen Situationen eingehen" -
dieser Satz von Walter Seidl charakterisiert nicht nur das Werk von
Magistra Matta Wagnest, sondern zeigt auch, wie feinsinnig unsere
Jury für Bildende Kunst die heurigen PreisträgerInnen aufeinander
abgestimmt hat. "Das Politische", "Das Zeitliche", "Das Textliche",
"Das Prozesshafte", "Das Musikalische", "Das Räumliche" und "Das
Gestische" sind wesentliche Aspekte in der Arbeit von Matta Wagnest,
die auch dokumentieren, dass das Überschreiten von Grenzen für die
Künstlerin eine wichtige Aufgabenstellung darstellt. Dies zeigte und
zeigt sich in der Malerei, in Installationen, in Kunstprojekten im
öffentlichen Raum aber auch in musikalischen Produktionen wie etwa
"Matta sings Cole Porter" - einem ursprünglich für den "steirischen
herbst" entwickelten Projekt, an dem Sie sicher noch weiter arbeiten.
Eine Kassette mit der CD und einigen Siebdrucken dazu ist erschienen.

Im Werk von Univ. Prof. Herwig Zens finden sich ebenfalls starke
Bezüge zur Geschichte der Kunst. Schon seine Diplomarbeit an der
Akademie der Bildenden Künste war den "Pinturas Negras" von Francisco
de Goya gewidmet. Die Auseinandersetzung mit dem Werk des spanischen
Malers sollte in der Folge lebensbegleitend sein. Das künstlerische
Oeuvre von Herwig Zens umfasst nicht nur Gemälde und bildnerische
Gestaltungen von Räumen, sondern mit über 1000 Blättern auch ein
gewaltiges grafisches Werk - eine Besonderheit dabei ist sein
Tagebuch in Form von Radierungen, das mittlerweile eine Dimension von
über 40 Metern angenommen hat. Ich nehme an, der heutige Tag wird
auch darin vermerkt werden. Herwig Zens hat sich nicht nur als
Künstler, sondern auch als Kunsterzieher, als Professor für
Lehramtsausbildung an der Akademie der bildenden Künste in Wien und
als Buchautor intensiv mit der Geschichte der Kunst beschäftigt. Mit
dem enormen Fachwissen von Prof. Zens war stets die bemerkenswerte
pädagogische Gabe verbunden, die eigene Begeisterung für Kunst auch
anderen Menschen nahzubringen.
"Einsame Klasse", "Frühling in der Via Condotti", "Trennungen",
"Grado. Süsse Nacht", "Helden der Kunst, Helden der Liebe" und
"Grundlsee" sind nur einige der Titel von Romanen, die der heurige
Preisträger für Literatur, Gustav Ernst, verfasst hat. Darüber hinaus
ist Gustav Ernst ein bedeutender Autor von Theaterstücken, Hörspielen
sowie Film- und Fernsehdrehbüchern.

Auch Gustav Ernst ist ein Künstler, der gerne etwas weitergibt von
dem, was er sich selbst im Metier der Kunst erarbeitet hat - sowohl
was die KollegInnenschaft als auch das Publikum betrifft. So war
Gustav Ernst von 1969 bis 1996 Herausgeber und Redakteur der
Literaturzeitschrift "Wespennest", und er ist seit 1997 gemeinsam mit
Karin Fleischanderl Herausgeber der Zeitschrift "Kolik". Er ist
Mitbegründer des "Drehbuchforums Wien", Leiter von Literatur- und
Drehbuch-Workshops, und lehrt am Institut für Sprachkunst der
Universität für angewandte Kunst. 2005 gründete Gustav Ernst die
erfolgreiche Akademie für Literatur in Leonding.

Mit dem Preis für Musik wird Magistra Gabriele Proy ausgezeichnet,
die als Pionierin im Bereich der Soundscape Komposition zu den
renommiertesten Komponistinnen Österreichs zählt. "Mein Ansatz in der
Musik", sagt Gabriele Proy, "ist wirklich die Hörkunst: Es geht mir
als Komponistin darum, dass die Zuhörerin, der Zuhörer ein intensives
Hörerlebnis hat, und ich möchte auch mit zeitgenössischer Komposition
Menschen berühren." Ein Anliegen, das - wie die internationalen
Erfolge und die zahlreichen Auszeichnungen zeigen - von Gabriele Proy
in gewünschter Weise verwirklicht werden konnte und kann. Neben
vielen internationalen Gastvorträgen lehrte die Komponistin an der
Donau-Universität in Krems und an der Universität Wien und ist seit
1999 Gastdozentin für Klangkomposition und Sounddesign an der
ARD-ZDF-Medienakademie Nürnberg. Seit 2011 lehrt Gabriele Proy
darüber hinaus am "Vienna Institute for the International Education
of Students".

Um die vielfältigen und facettenreichen Aktivitäten von Erich Klein
zu umschreiben, gibt es ein gutes Wort, nämlich "Publizist" - ein
Wort, das sich aus dem lateinischen "publicare", zu Deutsch
"veröffentlichen" ableitet. Und Erich Klein ist jemand, dessen
Tätigkeit im besten Sinne der Bedeutung dieses Wortes entspricht.
Erich Klein, der heute den Preis der Stadt Wien für Publizistik
erhält, veröffentlicht in renommierten Zeitschriften, wie dem
"Falter" oder dem "Wespennest", er liefert Beiträge für die Ö
1-Sendungen Diagonal, Ex libris und Kontext, er schreibt Bücher und
er gibt Publikationen heraus, er kuratiert und moderiert
Literaturveranstaltungen, etwa für den Kunstverein Alte Schmiede und
für die Ausstellungshalle MUSA der Kulturabteilung der Stadt Wien.
Erich Klein übersetzt nicht nur aus dem Russischen, sondern er
publiziert eben auch viel über russische Literatur und ist dabei ein
engagierter Vermittler der reichen und spannenden Kulturen der
postsowjetischen Länder. Heute Abend haben wir die Möglichkeit bei
einer Lesung von Erich Klein und Gustav Ernst im Rahmen unserer Reihe
"Literatur im MUSA" mehr über die Arbeit der beiden Preisträger zu
erfahren.

Sehr viel mit Vermittlung hat auch unser nächster Ehrengast zu tun:
Den Preis für Volksbildung erhält Frau Univ. Prof. Maria
Teschler-Nicola, die in ihrer Arbeit beweist, wie gut sich
hervorragende wissenschaftliche Arbeit mit einem breiten
Informationsangebot verbinden lassen. Als studierte und lehrende
Humanbiologin sowie als langjährige Mitarbeiterin des
Naturhistorischen Museums in Wien konnte Maria Teschler-Nicola sowohl
die wissenschaftlichen wie auch die volksbildnerischen Aspekte ihrer
Arbeit in gelungener Weise verbinden. Maria Teschler-Nicola verfasste
neben zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten auch Lehr- und
Schulbücher zum Thema Biologie, kuratierte wichtige Ausstellungen,
hielt zahlreiche universitäre Lehrveranstaltungen und Vorträge und
absolvierte bisher nicht weniger als 400 Sonder- und Spezialführungen
zu den im Naturhistorischen Museum und in anderen musealen
Einrichtungen realisierten Ausstellungen. In einem überaus
verdienstvollen Forschungsprojekt konnte gemeinsam mit Prof.
Stuhlpfarrer dem wichtigen Fragenkomplex der Anthropologie zur Zeit
des Nationalsozialismus nachgegangen werden.

Den Preis für Geistes-, Kultur-, Sozial,- und Rechtswissenschaften
erhält in diesem Jahr Herr Univ. Prof. Herbert Hausmaninger. Die
Arbeitsschwerpunkte von Prof. Hausmaninger sind römisches
Privatrecht, Methodenfragen der klassischen römischen Jurisprudenz,
der Einfluss des römischen Rechts auf europäische
Privatrechtskodifikationen, internationale Rechtsvergleichung aber
auch russisches Recht. Zu letztgenanntem Forschungsschwerpunkt ist
anzumerken, dass Prof. Hausmaninger nicht nur studierter Jurist,
sondern auch akademisch geprüfter Übersetzer für Englisch und
Russisch ist. Herbert Hausmaninger hat einige weithin geachtete
Standardwerke verfasst, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. So
ist seine wahrscheinlich erfolgreichste Publikation, das "Casebook
des römischen Sachenrechts" nicht nur mittlerweile in elfter Auflage
erschienen, wurde nicht nur auf Englisch herausgebracht, sondern es
ist davon auch eine chinesische Übersetzung in Vorbereitung. Prof.
Hausmaninger hat als langjähriger Ordinarius der Universität Wien
Generationen von Juristinnen und Juristen als ein geachteter und
beliebter Lehrer geprägt.

Univ.Prof. Oswald Wagner erhält den Preis der Stadt Wien für
Medizinische Wissenschaften. Prof. Wagner ist Ordinarius für
Medizinische und Chemische Laboratoriumsdiagnostik an der
Medizinischen Fakultät der Universität Wien sowie Vorstand des
Klinischen Instituts für Medizinische und Chemische
Laboratoriumsdiagnostik im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien.
Nach dem Studium der Medizin an der Universität Wien erhielt Oswald
Wagner bereits mit 31 Jahren die Venia docendi. Nach engagierter
Lehre, Forschung und praktischer Arbeit als Leiter des Akutlabors des
Klinischen Instituts für Medizinische und Chemische
Laboratoriumsdiagnostik am AKH in Wien fanden seine Leistungen auch
internationale Anerkennung. Oswald Wagner war von 1997 bis 1998
Ordinarius für Klinische Chemie und Laboratoriumsdiagnostik und
Vorstand des Instituts für Klinische Chemie und Pathobiochemie an der
Universität Leipzig, bis er dann im Jahr 1998 an die Universität Wien
berufen wurde.

Last but not least: Der Preis der Stadt Wien für Natur- und
Technische Wissenschaften geht an Univ. Prof. Markus Arndt für seine
überragenden Leistungen im Bereich der Quantennanophysik. Prof. Arndt
ist derzeit Dekan der Fakultät für Physik der Universität Wien und
Leiter der Forschungsgruppe Quantennanophysik. Sie, sehr geehrter
Herr Professor, haben einmal in einem Interview gesagt, dass
Auszeichnungen die "Kreditkarten der Wissenschaft" seien. Auch wenn
der Preis der Stadt Wien die höchste Auszeichnung ist, die von der
Stadt für wissenschaftliche Leistungen vergeben wird, muss man
zugeben, dass Sie diesbezüglich wesentlich "dickere Kreditkarten"
gewöhnt sind. 2008 erhielt Prof. Arndt den mit 1,5 Millionen Euro für
Forschungszwecke dotierten Wittgenstein-Preis, 2012 den renommierten
ERC Advanced Grant des Europäischen Forschungsrates, der wiederum 2,3
Millionen Euro für Forschungen erbrachte. Diese Auszeichnungen zeigen
wohl eindrucksvoll, welch hohen Stellenwert die Arbeit von Prof.
Arndt und seiner Forschungsgruppe hat und welch hohes Ansehen diese
Tätigkeit unserer Stadt einbringt.

Abschließend sei Ihnen allen zu den verdienten Auszeichnungen
gratuliert. Bei jeder Ehrung bekommt der Ehrende vom Geehrten
bekanntlich wieder ein großes symbolisches Stück zurück. Für diesen
Gewinn an Renommee durch die Annahme ihrer Ehrungen danke ich namens
der Stadt Wien ganz herzlich.

Danke!

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