TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Die Politik soll ruhig mutig sein", von Peter Nindler

Ausgabe vom 25. November 2013

Innsbruck (OTS) - Solange die deutschnationalen Burschenschafter nicht bereit sind, klare Trennlinien zur Vergangenheit zu ziehen und auch ihre Geschichte aufzuarbeiten, können sie auch nachträglich aus dem öffentlichen Raum verbannt werden.

Will man die deutschnationalen Burschenschaften in einem öffentlichen Raum wie der Innsbrucker Messehalle haben oder nicht? Die Antwort ist einfach: nein! Denn sie haben es bisher verabsäumt, klare Trennlinien zur Vergangenheit und zu extrem rechten Positionen zu ziehen. Vielmehr sind das Liebäugeln mit Verharmlosungen des Dritten Reichs und die bewusste Provokation damit Teil ihres ewiggestrigen Burschenschafterrituals. Dass die rechte Innsbrucker Studentenverbindung "Suevia" bis heute nicht den Namen ihres ehemaligen Mitglieds und SS-Studentensturmführers Gerhard Lausegger vom Totendenkmal am Westfriedhof gelöscht bzw. mit dem Zusatz versehen hat, dass er einer der Mörder der Pogromnacht war, verdeutlicht ihr krudes Verständnis von Erinnerungskultur. Die "Deutschen Burschenschafter" haben die Vergangenheit nicht aufgearbeitet, sondern verharmlosen sie.
Aber soll man den bereits mit den Burschenschaftern abgeschlossenen Vertrag nachträglich lösen? Diese Frage beherrscht seit Tagen die öffentliche Debatte und wertet die 150 ewiggestrigen Burschenschafter, die sich in Innsbruck versammeln wollen, in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung leider maßlos auf. Doch die Politik muss sich damit auseinandersetzen, obwohl sich die Veranstaltung innerhalb des Verfassungsbogens bewegt. Angesichts der schmerzvollen Erinnerungen Anfang November an die Pogromnacht vor 75 Jahren in Innsbruck, in der vier jüdische Mitbürger ermordet wurden, und der beharrlichen Weigerung der Burschenschafter, ein Zeichen beim Erinnerungsdenkmal der Suevia zu setzen, darf das öffentliche Tirol seinerseits nachträglich ein deutliches Signal an die Burschenschafter aussenden: Nein, wir wollen euch nicht in unserer Messe haben, auch wenn wir dafür eine Pönale zahlen müssen. Demokratiepolitisch zu handeln, heißt auch mutig zu sein, obwohl es in diesem Fall vertraglich nicht ganz korrekt ist. Aber nicht die Kritiker grenzen aus, sondern die Burschenschafter die Vergangenheit.

Möglicherweise werden am Samstag Proteste und Sicherheitskräfte das Stadtbild dominieren. Zu hoffen bleibt nur, dass die Demonstrationen friedlich verlaufen und einige Protestanten nicht auf einem Auge blind sind.
Die Demokratie und Innsbruck werden letztlich 150 rückwärtsgewandte (Alt-)Studenten für einen Tag aushalten. Aber hoffentlich wird es die letzte Versammlung im öffentlichen Raum sein.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001