- 07.11.2013, 18:30:28
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Ein neues Gespenst geht um"
Ausgabe vom 8. November 2013
Utl.: Ausgabe vom 8. November 2013 =
Wien (OTS) - Der Automatismus ist ernüchternd: Die Europäische
Zentralbank senkt ihren Leitzins - und der Deutsche Aktienindex,
maßgeblich für die Anlegerstimmung im Euroraum, setzt seine
Rekordjagd fort.
Dabei wollen die Währungshüter vor allem das schleppende Wachstum
ankurbeln, indem sie den Markt mit sagenhaft billigem Geld für
Investitionen fluten und den Außenwert des Euro zugunsten der
Exportwirtschaft schwächen. Allein die Marktteilnehmer halten sich
nicht an die Planspiele der Zentralbanker. (Nur der Euro folgte deren
Logik und hielt sich mit Kursverlusten brav an die Spielregeln.)
Dabei war Geld nie billiger als heute, der neue Leitzinssatz von 0,25
Prozent bedeutet einen Rekordtiefstand. Doch wenn die Investoren
nicht an einen Aufschwung glauben, fließt eben den Aktienmärkten die
zuhauf vorhandene Liquidität zu. Was wiederum zu Kurssteigerungen für
Anleger führt - losgelöst von jeder realwirtschaftlichen Entwicklung.
Ein Klima, in dem Spekulationsblasen wunderbar wuchern können, zumal
sich Großinvestoren wie Banken ihr Geld zum Nulltarif aus Frankfurt
abholen können.
Das sind die Gefahren, die der Kurs von EZB-Präsident Mario Draghi
für Europa bereithält. Es ist ein Teufelskreislauf, den eigentlich
alle (na ja, sagen wir: fast alle) durchbrechen wollen, was jedoch
stets aufs Neue, Zinssenkung für Zinssenkung, scheitert, wobei die
Sparer die Zeche zu zahlen haben. Ihre Sparguthaben verlieren Monat
für Monat an Wert.
Doch die Angst vor einer flächendeckenden Deflation überwiegt die
Sorge vor dem Frust der Sparer. Die Warnungen vor hohen
Inflationsraten haben sich vorerst als Schreckgespenst
herausgestellt. Jetzt fürchten die Währungshüter fallende Preise, die
vor allem im Süden dem zarten Aufschwung den Garaus zu machen drohen:
Wer nicht mit höheren Erlösen für seine Produkte rechnen kann, wird
seine Geschäfte eher zurückfahren. Eine fatale Dynamik nimmt ihren
Lauf.
Es bleibt dabei: Nachhaltige Heilung liegt nicht in der Macht der
EZB, Draghi kann der Politik allenfalls Zeit verschaffen - und das
tut er nun seit seinem Amtsantritt. Die Probleme lösen müssen schon
die Verantwortlichen in Brüssel, Berlin, Paris, Rom, Athen, Madrid -
und Wien. Und zwar mittels Strukturreformen, die aus sich heraus für
nachhaltiges Wachstum sorgen.
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