Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Ein neues Gespenst geht um"

Ausgabe vom 8. November 2013

Wien (OTS) - Der Automatismus ist ernüchternd: Die Europäische Zentralbank senkt ihren Leitzins - und der Deutsche Aktienindex, maßgeblich für die Anlegerstimmung im Euroraum, setzt seine Rekordjagd fort.

Dabei wollen die Währungshüter vor allem das schleppende Wachstum ankurbeln, indem sie den Markt mit sagenhaft billigem Geld für Investitionen fluten und den Außenwert des Euro zugunsten der Exportwirtschaft schwächen. Allein die Marktteilnehmer halten sich nicht an die Planspiele der Zentralbanker. (Nur der Euro folgte deren Logik und hielt sich mit Kursverlusten brav an die Spielregeln.)

Dabei war Geld nie billiger als heute, der neue Leitzinssatz von 0,25 Prozent bedeutet einen Rekordtiefstand. Doch wenn die Investoren nicht an einen Aufschwung glauben, fließt eben den Aktienmärkten die zuhauf vorhandene Liquidität zu. Was wiederum zu Kurssteigerungen für Anleger führt - losgelöst von jeder realwirtschaftlichen Entwicklung. Ein Klima, in dem Spekulationsblasen wunderbar wuchern können, zumal sich Großinvestoren wie Banken ihr Geld zum Nulltarif aus Frankfurt abholen können.

Das sind die Gefahren, die der Kurs von EZB-Präsident Mario Draghi für Europa bereithält. Es ist ein Teufelskreislauf, den eigentlich alle (na ja, sagen wir: fast alle) durchbrechen wollen, was jedoch stets aufs Neue, Zinssenkung für Zinssenkung, scheitert, wobei die Sparer die Zeche zu zahlen haben. Ihre Sparguthaben verlieren Monat für Monat an Wert.

Doch die Angst vor einer flächendeckenden Deflation überwiegt die Sorge vor dem Frust der Sparer. Die Warnungen vor hohen Inflationsraten haben sich vorerst als Schreckgespenst herausgestellt. Jetzt fürchten die Währungshüter fallende Preise, die vor allem im Süden dem zarten Aufschwung den Garaus zu machen drohen:
Wer nicht mit höheren Erlösen für seine Produkte rechnen kann, wird seine Geschäfte eher zurückfahren. Eine fatale Dynamik nimmt ihren Lauf.

Es bleibt dabei: Nachhaltige Heilung liegt nicht in der Macht der EZB, Draghi kann der Politik allenfalls Zeit verschaffen - und das tut er nun seit seinem Amtsantritt. Die Probleme lösen müssen schon die Verantwortlichen in Brüssel, Berlin, Paris, Rom, Athen, Madrid -und Wien. Und zwar mittels Strukturreformen, die aus sich heraus für nachhaltiges Wachstum sorgen.

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