WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wir alle sind Ratingagenturen - von Manfred Haider

Jeder Einzelne von uns hat es in der Hand, wie unser Land künftig dasteht

Wien (OTS) - Die US-Agentur S&P hat am Freitag ihr Rating für Österreich mit "AA+" bestätigt und der künftigen Regierung die Rute ins Fenster gestellt: Sollte diese den Konsolidierungspfad verlassen, droht ihr ein weiteres Downgrade. Dabei ist S&P bereits jetzt die einzige von vier Agenturen, die unserem Land nicht mehr die Spitzenbonität zuerkennt. Die Auswirkungen auf die Kupons neuer Anleihen haben sich bisher zwar in Grenzen gehalten - dennoch ist in der öffentlichen Wahrnehmung im Zuge der Schuldenkrise in Europa der Eindruck entstanden, einige Staaten würden von der US-dominierten Ratingbranche zu hart angefasst, um von den Problemen in Amerika abzulenken. Zuweilen war es aber auch genau umgekehrt: Die in die Bredouille geratenen Banken in Europa, die von den Staaten aufgefangen werden mussten, seien punkto Rating zu sanft angefasst worden, hieß es. Ein Indiz dafür könnte sein, dass die Ratingagenturen von den Unternehmen bzw. Staaten, die sie raten müssen, auch bezahlt werden. In Summe hatten die Ratingagenturen im Vorjahr die stolze Summe von 7,15 Milliarden US-$ kassiert (s. Seite 13). Zuweilen wird auch die Forderung erhoben, die Europäer müssten als Gegengewicht eine europäische Ratingagentur aufbauen - nach dem Motto, wir raten uns einfach selbst, wenn die anderen böse sind. Dabei hat es jeder Einzelne von uns in der Hand, wie unser Land dasteht: etwa indem man Parteien wählt, die nicht die meisten Wohltaten auf Kosten künftiger Generationen versprechen, sondern ein vernünftiges Konzept aus Zukunftsinvestitionen und sparsamer Haushaltsführung vorlegen.

Mittlerweile sind die Wahlen geschlagen und die Konzepte für die nächsten fünf Jahre werden hinter verschlossenen Türen verhandelt. Trotzdem kann jeder Einzelne einen Beitrag für das Rating unseres Landes leisten - sei es, indem man sich bewusst wird, dass Schwarzarbeit und zu Unrecht bezogene Sozialleistungen Einfluss auf unsere Schuldenquote nehmen, oder auch indem man österreichischen Staatsanleihen mehr Vertrauen schenkt als anderen. Bereits jetzt werden 90 Prozent von Europäern gehalten. In den USA hingegen ist China der größte Auslandsgläubiger. Sollten die Chinesen irgendwann nicht mehr mitspielen und aufhören, US-Anleihen zu kaufen, dann hilft auch keine US-dominierte Ratingbranche mehr.

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