- 24.10.2013, 11:15:31
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BELVEDERE: Emil Nolde - In Glut und Farbe
Wien (OTS) - "Deshalb gern mied ich alles Sinnen vorher, eine vage
Vorstellung nur in Glut und Farbe mir genügte (...)"*, schrieb Emil
Nolde 1936 über seine instinktive Arbeitsweise und den ungehemmten
Umgang mit Farben, der seine Werke auszeichnet. Mit Emil Nolde - In
Glut und Farbe widmet das Belvedere in Kooperation mit der Stiftung
Seebüll Ada und Emil Nolde dem herausragenden Einzelgänger des
deutschen Expressionismus eine Ausstellung, die einen lebhaften
Eindruck seiner Farbexplosionen vermittelt. Die Schau zeigt Werke aus
all seinen Schaffensphasen, von frühen, vom Impressionismus geprägten
Gartenbildern über biblische und Legendenbilder oder strahlende, in
der Südsee gemalte Pastelle bis hin zu den während des Malverbots
entstandenen Ungemalten Bildern. Ergänzt wird die Ausstellung durch
Druckgraphiken des Künstlers und ausgewählte Arbeiten
österreichischer Maler wie Oskar Kokoschka, Werner Berg oder Max
Weiler, die durch Nolde inspiriert wurden.
Emil Nolde fand erst relativ spät und weitgehend eigenständig zur
Kunst und zu seiner individuellen Ausdrucksweise. 1867 als Emil
Hansen im Dorf Nolde bei Tondern im deutsch-dänischen Grenzgebiet
geboren, verbrachte er seine Kindheit auf dem elterlichen Bauernhof.
Nach einer Ausbildung zum Holzbildhauer in Flensburg und darauf
folgenden Wanderjahren als Möbeltischler war er als Fachlehrer für
gewerbliches Zeichnen am St. Galler Industrie- und Gewerbemuseum
tätig. Der Verkaufserfolg einer Postkartenserie, in der er Bergen
menschliche Züge verlieh, ermöglichte ihm 1897, seine Lehrstelle
aufzugeben und sich ganz der Malerei zu widmen. 1898 begann er in
München bei Friedrich Fehr zu studieren, wechselte aber bald zu Adolf
Hölzel und den Malern der Dachauer Schule. Dort erlernte er die
Analyse der Kompositionen großer Meister und die Reduktion der Werke
auf ihre wesentlichen Elemente, was zu einer Verdichtung auf wenige
große Flächen führte. Nach Noldes kunsthandwerklichen Anfängen führte
ihn die Auseinandersetzung mit Meistern wie Leibl, Marées, Böcklin
und der Besuch der Hölzel-Schule zunächst zu einer stimmungsvollen,
dunkeltonigen Gestaltungsweise. Einige Monate in Paris und an der
Académie Julian im Jahr 1900 brachten ihn mit jenem strahlenden
Kolorit des französischen Impressionismus in Kontakt, das eine
radikale Aufhellung seiner Palette mit sich brachte - seine Bilder
wurden strahlender, frischer und bunter. Währenddessen strebten die
Maler der Brücke - ausgehend von Munch und bestärkt von den
zeitgleichen französischen Fauves - eine ähnliche Enthemmung der
Farbe und Spontaneität des Pinselstrichs an. Auf seine 20-monatige
Zugehörigkeit zur Künstlergruppe folgte Noldes Beitritt zur Berliner
Secession. Später zählte er zu jenen Künstlern, die sich von dieser
abspalteten und 1910 die Neue Secession gründeten.
Selbstüberraschungen eines Farbmagiers
"Um 1911 bzw. 1912 fand Nolde zu seinem persönlichen Stil. Vom
farbenprächtigen Impressionismus seiner Gartenbilder um 1907 über die
1910 entstandenen religiösen Bilder, die eine neue Strahlkraft der
mit strähnigen Pinselzügen aufgetragenen Farben aufwiesen, gelangte
er zu einer Malweise, die leuchtende, volltönende Farbflächen betonte
und Details unterschlug. Die Themenvielfalt seines unverwechselbaren
Werks reicht von grotesken Phantasiewesen, ekstatischen Tänzerinnen
und Situationen des Berliner Nachtlebens über Bibelszenen und
christliche Legenden bis hin zur Landschaft seiner Heimat
Nordschleswig und zu Meeresstimmungen der Ost- und Nordsee", erklärt
Agnes Husslein-Arco, Direktorin des Belvedere. Noldes
Naturverbundenheit und die ständige Suche nach dem Ursprünglichen
führten ihn auf weite Reisen, sogar nach Neuguinea, wo er auf
Inspiration abseits der westlichen Zivilisation hoffte. "Die
Bildfläche war das eigentliche Austragungsfeld seiner
Auseinandersetzung mit Natur und Leben, auf dem sich das Drama der
Farben untereinander abspielte. Mit Fortschreiten seines Werks sollte
Nolde immer stärker auf diese eigene, den Farben innewohnende Kraft
hören und aus ihr heraus seine Bilder entwickeln. Der Künstler schuf
seine Gemälde vor allem aus seiner eigenen Vorstellungskraft und
Empfindung heraus. Oftmals war er dabei selbst ganz erstaunt über die
Ergebnisse und bezeichnete die schönsten seiner Werke daher als
Selbstüberraschungen", erläutert Stephan Koja, Kurator der
Ausstellung.
Ungemalte Bilder
Noldes unmittelbarer Zugang zur Malerei und sein einzigartiger
Umgang mit Farben fanden einen Höhepunkt in seinem immensen
Alterswerk der Ungemalten Bilder, die trotz des Malverbots, das am
23. August 1941 über ihn verhängt wurde, im Geheimen entstanden. Aus
der Reichskunstkammer ausgeschlossen, wurde ihm jede berufliche
Betätigung auf den Gebieten der bildenden Künste untersagt. Dies
bedeutete einen großen Schock für den Maler, hatte er doch wie viele
andere Künstler anfänglich die Machtergreifung der
Nationalsozialisten begrüßt und gehofft, das nationalsozialistische
Regime könnte Deutschland nach dem Trauma des Ersten Weltkriegs und
des Friedensvertrags von Versailles wieder Orientierung und
Selbstvertrauen verleihen. Sein Interesse für den nordischen
Naturmystizismus brachte ihn dabei gefährlich nahe an die rassisch
beeinflusste nordische Mythenwelt des Nationalsozialismus; dessen
Intoleranzen bis hin zum Völkermord sah er allerdings wohl nicht
voraus. Aufgrund seiner ausgeprägten Verwurzelung in Nordfriesland
war eine Emigration, wie sie ihm von Freunden nahegelegt wurde, für
Nolde undenkbar. Um sich nicht durch den Geruch der Ölfarbe zu
verraten, schuf der Künstler in den vier Jahren des Malverbots
hauptsächlich kleine Aquarelle - Ungemalte Bilder, da sie eigentlich
nicht entstehen durften und auch nicht in jener Form verwirklicht
werden konnten, in der Nolde sie erschaffen wollte: als großformatige
Ölgemälde. So entstanden zwischen 1938 und 1945 über 1300
kleinformatige Aquarelle und Gouachen mit frei erfundenen, meist
phantastischen Darstellungen in seinem Atelier in Seebüll, von denen
knapp 50 Blätter im Unteren Belvedere präsentiert werden. Dabei ließ
Nolde aus zufälligen Farbklecksen Gesichter, Figuren, aber auch
phantastische Mischwesen zwischen Mensch und Tier entstehen. Ebenso
malte Nolde Landschaften aus seinem Gedächtnis, unter ihnen blutrot
gefärbte Meere oder in Lapislazuli getauchte Felsküsten.
In Glut und Farbe
Emil Nolde - In Glut und Farbe zeigt zentrale Werke aus der
reichen Sammlung der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde, der
Hamburger Kunsthalle sowie weiteren Museen und Privatsammlungen.
Unter den Arbeiten befinden sich Landschaften, Meere, Bildnisse,
Berliner Szenen, religiöse Bilder und Phantasien sowie hochkarätige
Folgen von Aquarellen und fast 50 Blätter der Ungemalten Bilder.
Gleichzeitig beleuchtet die Ausstellung durch ausgewählte Werke
österreichischer Maler wie Werner Berg, Herbert Boeckl, Oskar
Kokoschka oder Max Weiler, wie diese auf Noldes Farbexplosionen
reagierten und aus seiner Kunst Anregungen für das eigene Werk
bezogen. Damit veranschaulicht die Ausstellung auch den intensiven
künstlerischen Austausch im Europa des 20. Jahrhunderts.
Die Ausstellung ist bis 2. Februar 2014 im Unteren Belvedere zu
sehen. Hoch aufgelöste Bilder stehen unter www.belvedere.at/presse
kostenlos für Pressezwecke zur Verfügung.
* Emil Nolde, Welt und Heimat. Die Südseereise 1913-1918.
Geschrieben 1936, hg. von der Nolde Stiftung Seebüll, Bd. III, Köln
2002, S. 88.
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