WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Am Rande des Abgrunds - von Herbert Geyer

In der Not hat das System in Europa zumindest irgendwie funktioniert

Wien (OTS) - Dass politische Fehlentscheidungen in einem großen Land die Welt in eine Katastrophe führen können, dafür gab es in der Geschichte viele Beispiele - Kriege, Hungersnöte, wirtschaftliche Zusammenbrüche lassen sich zumeist auf solche Fehlentscheidungen zurückführen.

Jetzt lernen wir gerade, dass auch Nicht-Entscheidungen der Politik ähnliche Folgen haben können: Wenn sich in den USA der Präsident und die beiden Häuser des Parlaments nicht doch noch - wie es sich gestern abzeichnete - auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können, stürzen sie die ganze Welt in eine tiefe Rezession.

Das wirklich Erstaunliche daran: Die Folgen einer Nicht-Einigung sind auf jeden Fall schlimmer, als die Konsequenzen einer Entscheidung in die eine oder andere Richtung je sein könnten. Steuererhöhungen und eine weitere Neuverschuldung, wie sie Präsident Barack Obama anstrebt, wären längerfristig für den US-Staatshaushalt nicht wünschenswert und könnten demnächst ähnliche Probleme bringen, wie wir sie aus der Süd-Peripherie der EU kennen - aber sie würden zumindest in den nächsten Jahren keinen wirtschaftlichen Zusammenbruch auslösen.

Auch das Rezept der Tea Party - weitere Einsparungen, bis es quietscht, vor allem im Gesundheitssystem - wäre vor allem für die unteren Einkommensschichten in den USA bitter und würde dort wohl den Aufschwung abwürgen, eine weltweite Rezession würde aber auch es nicht verursachen.

Der politischen Meinungsbildung innerhalb der EU wurde ja stets vorgeworfen, sie sei eine Schönwetter-Demokratie: Solange alles gut läuft, seien dort Beschlüsse möglich, in Krisenzeiten funktioniere das System aber nicht.

Wir müssen den europäischen Politikern Abbitte leisten: Als es wirklich darauf ankam, konnten sie sich zumindest zu Beschlüssen aufraffen, die zwar von allen Seiten kritisiert wurden, aber zumindest den sofortigen Zusammenbruch verhindert haben. Und mittlerweile besteht ja sogar die Hoffnung, es könnte alles noch irgendwie gut ausgehen.

Das gut eingespielte und krisenerprobte System der USA, das vielen als Vorbild vorschwebt, ist uns diesen Beweis noch schuldig.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt Medien GmbH
Tel.: 0043160117-305
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001