• 15.10.2013, 09:30:31
  • /
  • OTS0034 OTW0034

"Der Schattensammler" - vier Ö1-Sendungen zum 90. Geburtstag von Carl Djerassi

Wien (OTS) - Der Chemiker und Schriftsteller Carl Djerassi begeht am
29. Oktober seinen 90. Geburtstag. Ö1 widmet dem vielfach
ausgezeichneten Wissenschafter "Tonspuren" (21.10.), "Im Gespräch"
(24.10.), "Nachtbilder" (26.10.) und ein "Hörspiel-Studio" (29.10.).

Carl Djerassi, geboren am 29. Oktober 1923 in Wien, aufgewachsen
zum Teil in Bulgarien, der Heimat seines Vaters, floh 1938 nach
Amerika, wo er studierte und sich als Naturwissenschaftler, später
auch als Mäzen und Kunstsammler, einen Namen machte. Djerassi lebt
heute in Kalifornien und Wien. Er veröffentlichte zahlreiche
wissenschaftliche Publikationen, autobiographische Texte, Romane und
Theaterstücke, und erfand schließlich die Romangattung
"Science-In-Fiction".

"Der Schattensammler. Carl Djerassis allerletzte Autobiographie."
lautet der Titel des von Eva Schobel gestalteten Features in den
"Tonspuren" am Montag, den 21. Oktober um 21.00 Uhr in Ö1. Er hat
Kunstwerke gesammelt, er hat Geliebte gesammelt, er hat Wohnsitze
gesammelt, er hat Erfolge gesammelt und er hat verschiedene Leben
gesammelt, eines spannender als das andere. Aber in seiner
"allerletzten Autobiographie", wie Carl Djerassi sein aktuelles Buch,
das im Sommer erschienen ist, nicht unironisch nennt, bezeichnet er
sich vor allem als "Schattensammler". Carl Djerassi, berühmt geworden
als "Mutter der Pille", hat seine Vita als grenzüberschreitender
Wissenschafter seit vielen Jahren mit der des Schriftstellers
vertauscht. Er ist stolz darauf, dazu beigetragen zu haben, dass
Frauen ein sorgenfreieres Sexualleben genießen können, möchte aber
nicht auf diese Rolle reduziert werden. Als Schriftsteller kann er
mit Distanz reflektieren, was ihm, neben allem Glück und Ruhm an
Schicksalsschlägen widerfahren ist. Im Zentrum: Der Selbstmord seiner
begabten Tochter und der Tod seiner um vieles jüngeren und geliebten
Frau, Diane Middlebrook, einer legendären Biographin, um deren Werk
er sich kümmert. Seit diesem Verlust behandelt er die täglich
fortschreitende Krankheit "Einsamkeit" mit der selbstgefundenen
Therapieform der "Autopsychoanalyse". Psychoanalytiker werden das
womöglich nicht anerkennen, aber das kann Carl Djerassi nicht
kümmern.

Am Donnerstag, den 24. Oktober ist in der Reihe "Im Gespräch"
(21.00 Uhr) eine Sendung aus dem Jahr 2012 zu hören: "Dann habe ich
mich entschlossen, in die Literatur zu gehen." - Michael Kerbler
spricht mit Carl Djerassi. Weder ist er einseitig interessiert, noch
einseitig begabt. Carl Djerassi, der im Alter von nur 21 Jahren
promoviert hat, gelang es im Oktober 1951, eine Substanz zu
synthetisieren, deren Entwicklung schließlich zur Herstellung der
"Antibaby-Pille" diente: nämlich ein Gestagen, ein Gelbkörperhormon.
Keine sechs Wochen später wurde der Wirkstoff als Mittel zur
Empfängnisverhütung zum Patent angemeldet. Heute nehmen
schätzungsweise an die hundert Millionen Frauen täglich die
"Anti-Baby-Pille", die Djerassi selbst als "Pille für die Frau"
bezeichnet. Carl Djerassi, damals stellvertretender Leiter der
Forschungsabteilung der Firma Syntex, war mit Norethindrone -
wissenschaftlich betrachtet - ein gemachter Mann. Aber Djerassi
wusste wohl auch um die ökonomische Dimension seiner - mit zwei
Kollegen gemeinsam gemachten Entwicklung - Bescheid. Er erwarb ein
Aktienpaket an Syntex, das den Grundstein für ein Vermögen bilden
sollte, das auch seinen anderen Interessen Raum zur Entfaltung ließ.
Etwa seiner Liebe zur Kunst, seiner Sammelleidenschaft von Bildern -
etwa jener von Paul Klee, zu dessen wichtigsten privaten Sammlern er
zählt. Und seiner Passion für das Schreiben. Nach einer Krebsdiagnose
beginnt für Djerassi in den 1980er Jahren ein zweites Leben. "Ich
habe mich damals entschlossen, wenn ich das wirklich überleben würde,
noch ein anderes intellektuelles Leben zu führen. Und dann habe ich
mich entschlossen, in die Literatur zu gehen."

In "Nachtbilder - Poesie und Musik" am Samstag, den 26. Oktober ab
23.10 Uhr in Ö1 liest Michael Dangl aus Djerassis Gedichtband
"Tagebuch des Grolls. A Diary of Pique". Am 8. Mai 1983 wird Carl
Djerassi von der großen Liebe seines Lebens, Diane Middlebrook,
verlassen. Der Naturwissenschaftler macht sich an ein für ihn
neuartiges Experiment: Gekränkt und unglücklich nimmt er Rache in
Form einer "poetischen Vulkaneruption". Er beginnt, Gedichte zu
schreiben, die in jeder Hinsicht offen sind - zum einen, weil sie
einen höchst persönlichen und intimen Einblick in die Gefühlswelt
Djerassis erlauben, zum anderen, weil sie formal frei gestaltet sind.
Dieser Gedichtband ist das lyrische Tagebuch eines Mannes, der voll
Zorn und Selbstmitleid, aber auch mit schonungsloser Ehrlichkeit das
Ende seiner Beziehung betrauert, bis Diane 1984 zu ihm zurückkehrt
und ihn wenig später heiratet. Erst mehrere Jahre nach ihrem Tod 2007
hat sich Djerassi abermals mit diesen Gedichten beschäftigt und sie
überarbeitet. Das Zusammenspiel seiner beiden Lebenssprachen eröffnet
neue Blickwinkel auf den Wissenschaftler, den Kunstkenner und vor
allem auf den Menschen Carl Djerassi.

An Djerassis Geburtstag, Dienstag, 29. Oktober, steht im
"Hörspiel-Studio" (21.00 Uhr) "Vier Juden auf dem Parnass" auf dem
Programm. In der Produktion aus dem Jahr 2008 wirken Michael
Rotschopf, Karl Markovics, Jörg Ratjen, Toni Slama, Chris Pichler,
Sabine Haupt, Andrea Clausen und Maria Happel mit, Carl Djerassi
selbst gibt den Erzähler. Für die Regie zeichnet Harald Krewer
verantwortlich. Djerassi lässt in diesem Stück vier Heroen der
Geistes- und Kulturgeschichte aufeinandertreffen: Theodor W. Adorno,
Walter Benjamin, Gershom Scholem und Arnold Schönberg. Doch die vier
Herren diskutieren alles andere als philosophische und künstlerische
Fragen, sie sind von Zweifeln geplagt. Weniger was ihre
wissenschaftlichen oder künstlerischen Karrieren betrifft. Die
stehen, was die Flut von postmortalen Publikationen und Lobpreisungen
betrifft, gänzlich außer Zweifel. Zudem bleibt die
Aufenthaltsberechtigung im griechischen "Olymp der Dichtkunst" nur
den allergrößten unter den Dichtern und Denkern vorbehalten. Nagend
ungeklärt sind jedoch - bis weit über den Tod hinaus - manche
Vorkommnisse im jeweiligen Liebes- und Eheleben der Herren. Waren die
Ehefrauen auch tatsächlich treu? Ist der Briefwechsel zwischen Walter
Benjamin und Adornos Frau Gretel nicht eine Spur zu intim? Hatte
Arnold Schönbergs Frau Mathilde Zemlinsky etwas mit Alban Berg? Um
diese Zweifel zu beseitigen, beordern sie ihre jeweiligen Ehefrauen
zum Verhör auf den Parnass. Starke Frauen allesamt, verhört von ihren
eitlen, narzisstischen und pfäuischen Männern. Djerassi führt die
schwachen Seiten der großen Geister lustvoll vor. Mit Witz und Ironie
gibt er Antworten auf Fragen, die die noble Kulturgeschichte erst gar
nicht stellt.

Nähere Informationen zum Programm von Österreich 1 sind abrufbar
unter oe1.ORF.at.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | HOA

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel