- 26.09.2013, 18:31:20
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Nichts kam überraschend"
Ausgabe vom 27. September 2013
Utl.: Ausgabe vom 27. September 2013 =
Wien (OTS) - Es wird wohl knapp werden an diesem Sonntagabend,
womöglich sogar sehr, sehr knapp. Für die große Koalition als
Institution gewordene Emanation der Zweiten Republik. Für den zweiten
Platz der ÖVP, die schon wieder den Atem der Freiheitlichen im Nacken
spürt. Und schließlich für BZÖ und Neos, die beide um den
(Wieder-)Einzug in den Nationalrat zittern.
Der 29. September 2013 hat also durchaus Chancen, ein neues Kapitel
in der Geschichte der Zweiten Republik aufzuschlagen - und wie immer
das Ergebnis ausfällt, werden es die einen als Höllenfahrt und die
anderen als Befreiung verstehen.
Das Einzige, was man nicht behaupten kann, ist, dass die Veränderung
plötzlich über Land und Leute hereingebrochen wäre. Wenn die
Geschichte seit den 1980er Jahren eine Konstante kennt, dann jene,
die zur heutigen Situation geführt hat. Nichts, aber schon gar nichts
davon ist wirklich neu: die Erosion der beiden großen politischen
Lager, der Wandel der Deutschnationalen zu postmodernen Populisten,
deren beständiger Aufstieg mit einem eingängigen Politikmix aus
Ressentiment und Sozialstaatschauvinismus, die wachsende politische
Vereinsamung der Jungen, von neuen Selbständigen, von Migranten. Die
Unfähigkeit der Grünen, zum großen politischen Sammelbecken all
dieser Frustrierten und Unzufriedenen zu werden, um auf diese Weise
die Nachfrage nach Alternativen zum bestehenden Angebot systematisch
auszutrocknen.
Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als würde ausgerechnet Frank
Stronach auf seltsam unvernünftige Weise der großen Koalition den
Gefallen tun, den Wiederaufstieg der Freiheitlichen einzubremsen.
Diese rot-schwarze Hoffnung fiel im Endspurt des Wahlkampfs wie ein
Kartenhaus in sich zusammen. Es wird Zeit, dass SPÖ und ÖVP
begreifen, dass ihnen niemand die Arbeit abnehmen wird, politische
Mehrheiten für den eigenen Machterhalt zu erringen. Nur: Mit
Kampagnen, die passgenau auf die wirklich allerletzten Getreuen
zugeschnitten sind, wird das mit Gewissheit nicht mehr lange
funktionieren. Wenn es denn überhaupt noch einmal funktioniert.
Österreichs Politik, diese Prognose ist sicher, wird in den kommenden
fünf Jahren nicht einfacher, sondern komplizierter. Womöglich auch
spannender, aber das allein ist mit Sicherheit keine politische
Kategorie.
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