WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Österreich, vergiss nicht, zu investieren - von Andre Kühnlenz

Die Deutschen hielten das Schuldenrad am Laufen und verloren 400 Milliarden

Wien (OTS) - Vieles spricht dafür, dass die Deutschen vor allem die gute Lage am Arbeitsmarkt überzeugt hat. Frau Merkel bekam am Sonntag eine deutliche Mehrheit im neuen Bundestag. Und für Österreicher stellt sich die Frage, ob sie vom Nachbarn etwas lernen können: Hat nicht die Agenda 2010 zur Blüte beigetragen, nachdem Deutschland vor einem Jahrzehnt noch als "kranker Mann Europas" verlacht wurde?

Keine Frage, die Arbeitsmarktreformen haben geholfen, dass das Land bislang ohne große Blessuren die Krise meistert. Die Auferstehung hat aber früher begonnen. Bereits 1996 gaben Arbeitgeber und Arbeitnehmer den Konsens der Nachkriegszeit auf. Bis dahin war es üblich, dass sich Lohnabschlüsse am Produktivitätszuwachs der Wirtschaft orientieren. Dazu gab es einen Ausgleich für die Inflation. Es war der alte sozialdemokratische Traum der Verteilungsgerechtigkeit, der damals ein Ende fand. Zunächst mit gutem Grund: Nach der Einheit waren die Löhne kräftig gestiegen und am Immobilienmarkt kam es zu einer Preisblase. Deswegen sollten die Arbeitgeber jetzt mehr vom Kuchen abbekommen. Das Problem: Selbst als die Übertreibungen Anfang des Jahrtausends verschwunden waren, kehrte das Land nicht zum gewohnten Sozialausgleich zurück. Unternehmen nutzten das Geschenk der Lohnzurückhaltung sowie Steuersenkungen, um ihre Schulden abzubauen. An Investitionen dachte aber keiner mehr, auch der Staat sparte bei wichtigen Ausgaben für die Infrastruktur.

Kein Wunder: 2005 stieg die Zahl der Arbeitslosen auf fünf Millionen. Doch auch nach Beginn der Agenda-Politik unterließen es Unternehmen und Vermögende, mehr Geld auszugeben. Machten die Investitionen 1995 noch 22 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, sind es heute nur noch 17 Prozent. Stattdessen hielten die Deutschen lieber das Schuldenrad im Süden und Westen des Euroraums am Laufen. Das Ausland kaufte deutsche Güter in Massen und der Exportboom auf Pump trug entscheidend dazu bei, dass es plötzlich weniger als drei Millionen Arbeitslose gab. Erschreckend nur, dass die Deutschen seit 1999 wegen der Finanzkrise 400 Milliarden Euro im Ausland verloren haben - Geld, das einfach zu Hause fehlt. Die Lehre aus der Geschichte? Wie auch immer die Österreicher ihren Standort fit machen wollen - das Land sollte nie vergessen, zu investieren. Niemals.

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