"Kleine Zeitung" Kommentar: "Riesen-Lkw rollen auch für unseren Konsumwahn" (Von Johannes Kübeck)

Ausgabe vom 13.09.2013

Graz (OTS/Vorausmeldung) - Zweieinhalb Wochen vor der Nationalratswahl geschieht nichts mehr aus Zufall. Es gibt keinen aktuellen Anlass, sich über die zulassung der riesigen Gigaliner für Österreichs Autobahnen zu erregen, sondern nur wahltaktische Spielchen von Parteien. In diesem Fall geht es um eine höchst durchsichtige Unterstützung des Wiener Boulevards für die wegen der Plakataffäre in Bedrängnis geratene SPÖ.

Dabei wäre das Thema Gigaliner durchaus geeignet für einen ernsthaften Diskurs und es ist schade, dass der Wahlkampf derlei verhindert. Noch größere Lkw zuzulassen, damit zum Beispiel Paradeiser schneller und billiger - und vielleicht umweltfreundlicher - von Holland nach Griechenland gelangen, ist etwas, das die Menschen wirklich interessiert und kein abgehobenes Orchideenthema.

Noch mehr Verkehr im transitgeplagten Österreich zu verhindern, ist ein durchaus rechtschaffenes Anliegen, das allerdings nicht eindimensional behandelt werden sollte. So wäre es fast unredlich, dabei die Ursachen des überhandnehmenden Lkw-Verkehrs zu vertuschen. Die Industrie, der handel und die Frächter schicken die Lastzüge nicht zum Spaß über den Kontinent, sondern im Interesse der Konsumenten. Natürlich wollen sie dabei - oft auch auf Kosten von Arbeitnehmern und Umwelt - möglichst gut verdienen. Aber erst das Verhalten von uns Konsumenten macht den Gütertransport - und seine Folge, den Stau, zum Geschäft.

So viel Ehrlichkeit ist bei einem zivilisierten Diskurs angebracht. Auch wenn unser Wunsch, alles und jedes jederzeit zu haben, durch die Werbung der Konsumgüterindustrie ferngesteuert sein mag, hindert uns niemand daran, mündige und kritische Konsumenten zu sein. Und: Nicht nur der Konsumwahn verursacht den täglichen Verkehrswahn, sondern auch dessen Gegenseite, die unnötigen Verpackungen, füllen die Lkw.

Zur Ehrlichkeit bei diesem Thema gehört auch eine andere unangenehme Wahrheit. Der Ruf der Wirtschaft nach den Gigalinern ist in diesem Umfeld auch eine Reaktion auf das Versagen der Regierungen beim Ausbau der Bahn. Sowohl die EU als auch ihre Mitgliedsländer haben die verkehrspolitische Bedeutung der Öffnung Osteuropas komplett verschlafen. Und die Bürger und Wähler sind stumm geblieben.

Ob die Bahn in Europa je wieder Marktanteile gewinnen kann, ist ungewiss. Das aber bedeutet im Umkehrschluss ganz einfach noch mehr Chaos auf den Straßen - mit Gigalinern und auch ohne sie. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001