WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Haltet die Industrie im Land - von Hans Jörg Bruckberger

Mit einer vernünftigen Industriepolitik gewinnt man leider keine Wahl

Wien (OTS) - Wirtschaft ist in den aktuellen Wahlkämpfen, ob in Österreich oder Deutschland, ein omnipräsentes Thema. Mehr als sonst, hat man den Eindruck. Kein Wunder: Die schwache Konjunktur, die angespannte Situation am Arbeitsmarkt, die europäische Schuldenkrise - all das sind Themen, die die Bevölkerung bewegen. Leider steckt aber hinter populistischen Schlagwörtern - von der "Förderung des Wirtschaftstandorts" über "Arbeitsplätze schaffen" bis hin zur "Abschaffung des Euros" wenig Substanz. Was im letzteren Fall ein Segen ist, ist ansonsten natürlich traurig.

Denn in Europa findet eine schleichende Deindustrialisierung statt. Und das ist eine gefährliche Entwicklung. Umwelt- und Sozialstandards sind außer Frage wichtig, nur dürfen die Entscheidungsträger, ob nun in Wien oder Brüssel, nicht vergessen, dass unsere Konzerne im globalen Wettbewerb stehen. Mit Chinesen, die keine millionenteuren Umweltauflagen erfüllen müssen, mit Japanern, die den Yen abwerten und sich damit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Und mit Amerikanern, die von günstigen Energiekosten profitieren und traditionell flexibler sind, wenn es etwa um Arbeitszeiten geht. Oder um Kapazitätsanpassungen. Die sind eben manchmal leider auch notwendig, wenn es gerade nicht so läuft. Aber sagen Sie das Mal den Franzosen. Als ArcelorMittal ein Stahlwerk schließen wollte, war der Teufel los.

Summa summarum ist es schon verständlich, dass europäische Konzerne zurzeit in die USA expandieren. Dort wird ihnen der rote Teppich ausgerollt und die Konjunktur läuft auch schon wieder prächtig. Dass etwa eine Voestalpine 550 Millionen Euro in ein Werk in Texas investiert und dort 150 Jobs schafft, war den politisch Verantwortlichen hierzulande offenbar egal.

Die Industrie ist aber ein wichtiger Motor für unsere Wirtschaft. Die Politik ist mehr gefordert denn je, den Standort attraktiv zu gestalten. Es geht nicht darum, chinesische Umweltsünden zu kopieren. Und auch nicht amerikanische Sozialstandards. Aber ein wenig Augenmaß und Verständnis für die Anliegen der Wirtschaftstreibenden, insbesondere auch jener in der Industrie, wäre dringend notwendig. Nur leider lässt sich mit Industriepolitik, egal wie vernünftig diese auch wäre, halt keine Wahl gewinnen.

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