• 03.09.2013, 18:31:59
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "'Super Sale' in Europa"

Ausgabe vom 4. September 2013

Utl.: Ausgabe vom 4. September 2013 =

Wien (OTS) - Abseits der horriblen Management-Entscheidungen bei
Nokia darf bei der Auflistung der "Scheitern als Programm"-Festspiele
die EU nicht fehlen. 2009 erklärte die damals dafür zuständige
EU-Kommissarin Viviane Reding, dass die Forschung in den
Informations- und Kommunikationstechnologien ausgebaut werde. Ziel:
den Rückstand zu den USA, China und Japan aufzuholen. Ironisch
betrachtet muss man sagen, das Scheitern-Programm war ein voller
Erfolg. Der Rückstand wurde größer, mittlerweile ist auch Südkorea
(Samsung) an Europa vorbeigezogen.

Der letzte Handyhersteller Europas von Rang wird künftig von Redmont
aus geleitet, dem Sitz von Microsoft. Doch das ist beileibe nicht
alles, was die EU-Strategie in den vergangenen vier Jahren bewirkte:
Der zum Netzausrüster geschrumpfte schwedische Konzern Ericsson
kämpft mit sinkenden Ertragszahlen. Die Japaner zeigten dem
Unternehmen mit der Yen-Abwertung, wo der Bartl den Most holt.
Alcatel-Lucent muss tausende Arbeitsplätze abbauen und sucht
verzweifelt seinen Platz in dieser Industrie. In der Zwischenzeit
fährt der chinesische Konkurrent Huawei allen um die Ohren.

Die beiden größten Telekom-Betreiber Europas, Vodafone und
Telefonica, sind Übernahmeziele von US-Branchengrößen geworden.

Europa ist der kaufkräftigste Kommunikationsmarkt der Welt, aber auch
willenlos. Das Geschäft machen Amerikaner, Koreaner, Chinesen nach
Belieben. Als der chinesische Computerhersteller Lenovo die PC-Sparte
von IBM übernahm, war eine Genehmigung der US-Regierung dafür
notwendig. Niemand kennt die Kompromisse, die Lenovo dabei eingehen
musste. Als Europäer am chinesischen Telekom-Markt Fuß zu fassen ist
vermutlich schwieriger, als die Raumstation ISS von außen zu
reparieren.

Gegen Managementfehler wie bei Nokia kann auch eine EU nicht
ankämpfen, doch Augenhöhe mit den anderen Wirtschaftsblöcken dürfen
sich die europäischen Bürger (und vor allem die Beschäftigten in
diesen Unternehmen) erwarten. Microsoft kauft Nokia, ohne eine
europäische Behörde fragen zu müssen, und verkauft seine
Computer-Systeme in Europa ohne Probleme.

Eine desaströse Industriepolitik und keinerlei Gegenwehr beim
Abwandern von Know-how, das ist der Arbeitsnachweis dieser
Kommission. Für die Industrie ist es gut, dass 2014 eine andere
kommt. Schlimmer kann es kaum werden.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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