• 02.09.2013, 18:35:58
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Überdosis Wahlkampf"

Ausgabe vom 3. September 2013

Utl.: Ausgabe vom 3. September 2013 =

Wien (OTS) - Die Zahl der TV-Diskussionen der Spitzenkandidaten ist
schier endlos, dazu die diversen "Streitgespräche" in Zeitungen und
Radiosendern. Was lernt der österreichische Wähler aus dieser Fülle
an Konfrontationen? Eher wenig, denn erstens ist das Ganze
unüberschaubar geworden und zweitens besteht die klare und existente
Gefahr, dass sich die Politiker fest an Worthülsen klammern, um
selbst nicht den Überblick zu verlieren.

Ob das die Entscheidung erleichtert, welche Partei eine Stimme
erhält, darf bezweifelt werden. Deutschland ging bei den
Spitzenkandidaten einen anderen Weg, die vier größten TV-Sender
absolvierten die Konfrontation Angela Merkel gegen Peer Steinbrück
gemeinsam. Nun kann die Frage gestellt werden, ob es sinnvoll ist,
dass vier Journalisten zwei Politiker auf ihren Gehalt "abklopfen".
Fakt ist aber, dass sich diese beiden minutiös auf Themen vorbereiten
konnten - dementsprechend klar waren die Antworten. Es mag sein, dass
deutsche Zeitungen so manchen Schwurbelsatz, der dort fiel,
argwöhnisch betrachten. Aber was würden die wohl zur österreichischen
Art des Wahlkampfes sagen?

Wie sich Frank Stronach das Land in zehn Jahren vorstellt, ist ein
Rätsel und wird es vermutlich auch bleiben. Dass Heinz-Christian
Strache eine recht enge Definition von Nächstenliebe hat, ist
ebenfalls bekannt - und das wird sich wohl wenig ändern. Eva
Glawischnig will die FPÖ überholen, was ihren Grünen eher nicht
gelingen wird. Und die beiden Obleute der Regierungsparteien duzen
einander - auch kein überzeugendes Stilmittel für einen
Richtungswahlkampf.

Die Inhalte bleiben auf der Strecke, so wie sich bei jeder Überdosis
eine Arznei in Gift verwandelt. Wir leben in einer Medien-Demokratie.
Warum, wird unterschiedlich klug definiert. Die Medien sollten sich
aber auch fragen, wie sie mit politischen Inhalten der Parteien
umgehen. TV-Konfrontationen in dieser Fülle sind wie eine Seifenoper
- man kann den Fernseher laufen lassen, ohne darauf zu achten, was
sich gerade abspielt.

Diese Beliebigkeit hat sich die Politik nicht verdient. Denn abseits
der (teilweise gerechtfertigten) Verdrossenheit sind es immer noch
die gewählten Politiker, die das Land in eine gute oder schlechte
Position manövrieren. Zur Wahl gehen, sich entscheiden - und nicht
resignieren. Das wäre wichtig - trotz der Überdosis an
Politiker-Debatten im Fernsehen.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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