"Kleine Zeitung" Kommentar: "Erklärungsversuch für den Flop einer guten Idee" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 09.08.2013

Graz (OTS/Vorausmeldung) - Die Green-Card, also die Arbeitsbewilligung für Ausländer in den USA, ist ein begehrtes Gut. Als besonderen Gunsterweis versteigern die US-Botschaften alljährlich einige davon - eine beliebte Chancen-Lotterie.

Österreich hat vor zwei Jahren Ähnliches auf den Markt gebracht in der Hoffnung, 8000 Menschen würden jährlich danach greifen: die Rot-Weiß-Rot-Card. Zugegriffen hat nicht ganz ein Viertel. Warum?

Der Sozialminister weist auf die 12.000 EU-Ausländer hin, die in dieser Zeit zu uns kamen. Die brauchen keine Rot-Weiß-Rot-Card, weil in der EU Freizügigkeit herrscht. So scheint ihm denn alles in Ordnung.

Die ÖVP findet, Österreich verlange zu hohe Einkommen als Bedingung für den Erwerb der Karte und gebe ausländischen Universitätsabgängern zu kurz Zeit, Arbeit zu finden.

All diese Begründungen reichen freilich nicht aus, den Flop zu erklären. Die EU gab es vor zwei Jahren, als die Card eingeführt wurde, ebenso wie die Zuwanderung von dort. Die von der ÖVP kritisierten Hürden sind nur minimal höher als die nun vorgeschlagenen. Sie allein können die riesige Diskrepanz zwischen den erhofften Zahlen und der dürftigen Wirklichkeit nicht ausgleichen.

Andere Erklärungen für den Misserfolg sind weniger schmeichelhaft. Da ist einmal das Faktum, dass Österreich sehr spät draufgekommen ist, dass wir gut ausgebildeten Zuwanderern den Weg ins Land ebnen müssen, wenn wir denn wollen, dass sie kommen.

Die Zeit nutzten diverse Regierungen vielmehr dazu, die Abschottung voranzutreiben. Möglichst lange sollten nach der Osterweiterung der EU Übergangsbestimmungen die Liberalisierung des Arbeitsmarkts verzögern. Sonst, so warnte die Gewerkschaft in seltener Einigkeit mit der FPÖ, sonst würden Horden billiger Arbeitskräfte unser Land überrennen. Als die Frist verstrichen war, bleib nicht nur die Flut der billigen Arbeitskräfte aus. Auch die hochqualifizierten Arbeitskräfte hatten sich schon anderswo verdingt.

Andere Erklärungen sind kaum schmeichelhafter. Ist am Ende der Arbeitsmarkt Österreich gar weniger attraktiv für dynamische junge Leute als gedacht? Oder hat die zögerliche Nachfrage nach der Karte etwa mit der Grundstimmung im Land zu tun? Es ist bekanntlich nicht leicht, als Fremder mit dem Akzent eines armen Landes bei uns zu leben.

Österreich ist ein Einwanderungsland, aber wahrhaben will das niemand. Die Bewusstseinsspaltung wird sich nicht aufrechterhalten lassen. Die Dissonanzen sind zu schrill.

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