• 05.08.2013, 09:33:48
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Rechenstift oder geniale Strategie - von Herbert Geyer

Sparen ist gut - aber wenn es alle machen, dann wird es bald wirkungslos

Utl.: Sparen ist gut - aber wenn es alle machen, dann wird es bald
wirkungslos =

Wien (OTS) - Dass bei Siemens jetzt an der Spitze des Unternehmens
der Verkäufer Peter Löscher durch den bisherigen Finanzvorstand Joe
Kaeser abgelöst wird, ist vermutlich kein Zufall: Weltweit haben in
den großen Unternehmen derzeit die Leute mit dem Rechenstift das
Sagen - nicht die exzellenten Verkäufer oder gar die großen
Strategen.

Wie das WirtschaftsBlatt als Zwischenbilanz der laufenden
Berichtssaison ausgerechnet hat (siehe S. 12), konnten die meisten
der großen Konzerne ihre Gewinne deutlich stärker steigern als ihre
Umsätze - kurz: Sie haben restrukturiert, verschlankt und eingespart.
Und das mit Erfolg: 73 Prozent der S&P-500-Unternehmen haben die
hochgesteckten Erwartungen der Analysten sogar übertroffen.

Was den Aktionären viel Freude macht, bereitet Volkswirtschaftlern
Kopfzerbrechen: Schließlich geht jede dieser Einsparungen letztlich
auf Kosten der Konsumenten, sei es durch Arbeitslosigkeit infolge
Personalabbaus, sei es durch Reallohnkürzung. Und der Konsum stellt
nun einmal in einer reifen Volkswirtschaft zwei Drittel bis vier
Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung.

Das probate Mittel, die Waren, die im eigenen Wirtschaftsraum nicht
angebracht werden können, eben zu exportieren, funktioniert immer
weniger, wenn alle großen Wirtschaftsräume gleichzeitig diese
Strategie fahren. Da hilft dann auf Dauer auch keine Yen-Abwertung,
wenn Europa mit innerer Abwertung (sinkenden Reallöhnen) und die USA
mit noch effizienterer Produktion dagegenhalten.

Letztlich sind ja auch die Unternehmen darauf angewiesen, dass die
Dinge, die sie - so effizient und kostengünstig das auch immer
gelingen mag - herstellen, am Ende irgendwo auf dieser Welt von
jemandem gekauft (und verbraucht - also konsumiert) werden. Und in
dem Maß, in dem sie ihre Kosten herunterfahren, entziehen sie auch
ihren potenziellen Kunden die finanzielle Basis, ihre Produkte kaufen
zu können.

Diese Spirale nach unten muss unterbrochen werden. Wie - ist offen.
Vielleicht sollte das eine oder andere große Unternehmen den Mann mit
dem spitzen Rechenstift am Steuer doch wieder durch einen gewieften
Verkäufer ersetzen - oder gar durch einen kühnen Strategen. Denn wer
mehr verkauft, verdient auch mehr.

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