• 29.07.2013, 18:12:06
  • /
  • OTS0144 OTW0144

Wiener Zeitung: Leitartikel von Thomas Seifert: "Der edelste Teil des Menschen"

Ausgabe vom 30.7.2013

Utl.: Ausgabe vom 30.7.2013 =

Wien (OTS) - █Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er
kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein
Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und
ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals.

Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch
noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.█

Bert Brecht, Flüchtlingsgespräche,
Aufbau-Verlag, 1961

Bertolt Brecht, selbst 1940 aus Nazideutschland geflüchtet, schrieb
in seinen "Flüchtlingsgesprächen" über Flucht und Migration.

Aber Brecht ist eben Brecht.

Bei besonders kaltschnäuzigen Misanthropen der Sorte Radau-Politiker
und Boulevard-Schreiber kommt zuerst das leichtherzige Urteil über
das Schicksal von Flüchtlingen und erst dann die Moral. Wer hingegen
selbst schon an Orten wie Afghanistan, Pakistan, Tschetschenien oder
Sierra Leone gearbeitet hat - als Diplomat, Wirtschaftstreibender,
Journalist, UN-Soldat oder Helfer einer NGO - und die Lage an Orten
wie den oben genannten aus Erfahrung kennt, kann über
Lehnstuhl-Berufszyniker in den Schreib- und Amtsstuben nur
verständnislos den Kopf schütteln.

Das österreichische Asylrecht sieht die Möglichkeit des sogenannten
subsidiären Schutzes (§8 Asylgesetz) ausdrücklich vor - wobei die
Behörde in den gegenständlichen Fällen der Votivkirchen-Flüchtlinge
auf §11 des Asylgesetzes hinweist und eine "innerstaatliche
Fluchtalternative" offenbar für zumutbar hält. Also: Wenn es im
pakistanischen Swat-Tal - aus dem einige der pakistanischen
Votivkirchen-Flüchtlinge kommen - zu gefährlich scheint (dort wurde
dem allseits bewunderten Schulmädchen Malala Yousafza von den Taliban
ins Gesicht geschossen), wird eben nach Lahore abgeschoben, wo es
sicher ist.

Eine Frage, die sich aufdrängt: Warum schiebt der im Vergleich zu
Österreich alles andere als reiche Libanon nach dieser Logik nicht
hunderttausende syrische Flüchtlinge nach Damaskus ab, wo es doch
zumindest in der Damaszener Innenstadt einigermaßen ruhig ist? Eben.

Es wäre nobel gewesen, das Thema Asyl aus dem Wahlkampf - laut dem
Wiener Bürgermeister Michael Häupl die "Zeit fokussierter
Unintelligenz" - zu halten. Doch wer im Konjunktiv lebt, kann nur
enttäuscht werden.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel