"Snowden sollte nach Österreich eingeladen werden!" - Kommentar von Univ.-Doz. DDr. Alfried Längle

Wien (OTS) - Snowden hat Geheimnisse verraten. Trotzdem: Er hat damit ein Unrecht, jedenfalls einen Missstand aufgedeckt. Darin besteht nach den politischen Reaktionen aus Europa kein Zweifel.

Mehr als der Verrat interessiert die Motivation, wenn das Unrecht nicht einfach normativ, sondern gesinnungsethisch betrachtet wird. Also: Warum hat er das getan? Hat er aus privaten Vorteilen heraus sein Land "verpfiffen" ("Whistleblower"), um sich einen Namen zu schaffen, Geld zu gewinnen oder was auch immer? Wer nennt ihn so abwertend "Verpfeifer", wie einen, der "Schmiere steht", um seine Kumpanen vor der Polizei zu warnen? Warum wird er einfach so genannt - wie kommt er in diese Ecke? Oder hat er - wie er selbst angibt -nach seinem Gewissen gehandelt, wollte sich nicht mitschuldig machen an einem Unrecht, wollte es nicht unbesehen weiterlaufen lassen? -Ist es das Gewissen, ist es jedenfalls ernst zu nehmen.

Snowden hat jedenfalls "seine Pflicht nicht getan". Vielleicht folgte er dem Gewissen. Er wird wegen der Pflichtverletzung verfolgt. Es gibt keinen anderen Grund für seine Verfolgung. Andererseits: Wenn jemand "nur seine Pflicht erfüllt", ist das auch nicht ungefährlich:
Er kann auf einer Watchlist landen ... und Putin meint, er könne nicht an ein Land ausgeliefert werden, wo ihm die Todesstrafe blüht ...

Ein Mensch, der nach seinem Gewissen gehandelt hat, ist vor Maßnahmen gegen sein Menschsein, gegen sein höchst persönliches Wesen, zu schützen. Für diesen Schutz braucht es Gemeinschaft, weil wir gegenseitig darauf schauen müssen, dass das, was den Menschen ausmacht, nicht verletzt wird, sondern im interpersonalen Raum kultiviert wird. Und dies sollte nicht erst im Nachhinein geschehen ... Wir möchten - gerade im Vermächtnis von Viktor Frankl - die Stimme erheben für Menschen, die aus ihrem Gewissen heraus handeln. Gewissensmenschen sorgen in ihrer Zeit immer für Unruhe, werden leicht zu "Outlaws", wie Jägerstätter, weil es ihnen ihr Gewissen nicht erlaubt, still zu sein. Ist die Zeit vorbei und alles wieder ruhig, kann man sich gut für Jägerstätter einsetzen.

Snowden soll uns Anlass sein, uns wieder zu fragen:

  • Ist nicht eine Aufgabe der neutralen Länder, sich für den einzelnen Menschen und sein Gewissen einzusetzen?
  • Ist dies nicht gerade für ein Land, das leidvoll erlebt hat, wohin es führt, wenn nicht auf das Gewissen gehört wird, sondern Vorgaben und Pflichten erfüllt werden, eine besondere Aufgabe?
  • Wäre es nicht im Sinne der Treue zu unserer Kultur, in welcher die Psychotherapie entwickelt wurde, die gegen die Verdrängung der Vernunft und des Geistigen aufgetreten und für die Aufdeckung der leisen, wahrhaftigen, personalen Stimme eingetreten ist?

Snowden hat offensichtlich ein Unrecht aufgedeckt. Aber er ist nach österreichischem Recht nicht straffällig geworden. Er darf hier einreisen und sich hier aufhalten.

Aber Snowden und alle, die für ihr Gewissen eintreten, sollten eine Einladung nach Österreich bekommen. Er sollte sich hier einer Kommission stellen, die überprüft, ob er tatsächlich nach seinem Gewissen gehandelt hat. - Hat er das, würde er sogar die österreichische Staatsbürgerschaft verdienen. Weil wir uns für Menschen und ihr Gewissen einsetzen wollen, der Vergangenheit wegen und der Tradition der Psychotherapie verpflichtet.

Univ.-Doz. DDr. Alfried Längle, Wien
Präsident der Internationalen
Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse, Wien

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