WirtschaftsBlatt-Leitartikel: IWF - ein Saulus wird zum Paulus - von Herbert Geyer

EU und IWF hätten Griechenland, Europa und der Welt viel Leid erspart

Wien (OTS) - Ein Staat ist kein Unternehmen, und die Weltwirtschaft schon gar nicht. Wenn in einem Unternehmen die Ausgaben höher sind als die Einnahmen, ist es ein probates und durchaus erfolgversprechendes Mittel, die Kosten zu senken. Falls das nicht die Qualität der Produkte beeinträchtigt, bleiben die Einnahmen davon unberührt, und das Unternehmen ist saniert.

Wenn ein Staat das Gleiche tut, funktioniert das nicht. Denn ein Großteil staatlicher Ausgaben (z.B. die Beamteneinkommen oder Investitionsausgaben) fließt direkt in die Wirtschaft. Werden Staatsausgaben abrupt gekürzt, dann sinkt in der Privatwirtschaft die Nachfrage, das Wachstum geht zurück - und damit auch die staatlichen Einnahmen. Wenn es blöd läuft - wie derzeit in Griechenland - steigt gerade wegen der staatlichen Sparmaßnamen das Defizit.

Das Ganze funktioniert auch weltweit: Wenn ein großer Wirtschaftskörper wie die Eurozone auf Teufel komm raus spart, dann beeinträchtigt das die Nachfrage auch auf jenen Märkten, in denen die Eurozone einkauft: in den Nichteuroländern der EU, in China, Korea oder Vietnam - mit dem Effekt, dass sich auch diese Länder weniger Waren aus dem Euroraum leisten können - was wiederum dort die Rezession vertieft.

Diese an sich nicht ganz neue Erkenntnis wurde bei der Konstruktion der Sparpakete für Südeuropa vernachlässigt - jetzt beginnt sie sich auch bei deren Autoren schön langsam durchzusetzen.

Die EU hat bereits mehrfach Fristerstreckungen für Sparziele gewährt, und der Internationale Währungsfonds (IWF) vergisst neuerdings in keiner seiner Prognosen darauf hinzuweisen, dass übers Sparen nicht das Wachstum aus den Augen verloren werden sollte. In der aktuellen IWF-Prognose (siehe S. 12) liest sich das so: Die Industriestaaten "sollten einen Politikmix verfolgen, der kurzfristiges Wachstum unterstützt, abgesichert durch glaubwürdige Pläne für die mittelfristige Nachhaltigkeit öffentlicher Schulden. Das würde auch weniger abrupte kurzfristige Budgetanpassungen erlauben."

EU und IWF hätten Griechenland, Europa und der Welt viel Leid erspart, hätten sie diese Erkenntnis - langfristig wirksame Strukturreformen zur Sanierung des Budgets, kombiniert mit kurzfristig wirksamer Konjunkturstützung - bereits in ihren Sparpaketen berücksichtigt. Aber es ist ja nie zu spät.

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