- 01.07.2013, 18:33:56
- /
- OTS0206 OTW0206
OÖNachrichten-Leitartikel: "Jugendliche und Justiz: Eine düstere Bilanz", von Christoph Kotanko
Ausgabe vom 2. Juli 2013
Utl.: Ausgabe vom 2. Juli 2013 =
Linz (OTS) - Der Vorfall ist abscheulich: Anfang Mai wurde in der
Justizanstalt Wien-Josefstadt ein 14-jähriger Untersuchungshäftling
von drei Zellengenossen vergewaltigt. Dem Jugendlichen wird ein
bewaffneter Raubversuch vorgeworfen. Dass bei der Inhaftierung Fehler
passierten, gibt Justizministerin Beatrix Karl (ÖVP) inzwischen zu.
Ihr anfänglicher Versuch, mit markigen Sprüchen durchzukommen
("Strafvollzug ist kein Paradies"), war rasch gescheitert.
Die SPÖ versucht nun, mit dem Thema im Wahlkampf zu punkten. Zentrale
Forderung ist die Wiedererrichtung des Jugendgerichtshofs, den die
Schüssel-Regierung vor zehn Jahren "aus Spargründen" geschlossen hat.
Mit schwarz-blauen Sünden lässt sich immer noch Stimmung machen. Doch
die SPÖ blendet die Tatsache aus, dass sie seit mehr als sechs Jahren
wieder den Regierungschef stellt. Es wäre genug Zeit gewesen,
tatsächliche oder vermeintliche Fehler zu beheben.
Über Fragen der Organisation und Zuständigkeit wird mit viel
Wortaufwand gestritten. Der Hauptpunkt geht unter: Die Bilanz der
Justiz im Umgang mit Jugendlichen ist düster.
In Österreich werden verurteilte Jugendliche überdurchschnittlich oft
wieder straffällig. Ihre Rückfallquote beträgt 62,2 Prozent, jene von
Erwachsenen 38,1 Prozent.
Es gibt viele Gründe, warum der Versuch, junge Straftäter von der
schiefen Bahn abzubringen, skandalös oft scheitert.
Niemand wird als Spitzbube geboren, doch Herkunft und soziales Milieu
spielen eine große Rolle. Bei der Rückkehr in die Normalität nach dem
Strafvollzug müssten vorrangig die Familie und gute Freunde helfen;
Bindungslosigkeit führt häufig zu Straffälligkeit.
Die staatlichen Institutionen sind ebenfalls gefordert, oft aber
personell unterbesetzt. Für die langwierige Resozialisierung fehlen
Geld und Geduld.
Wegsperren ohne weitere Zuwendung fördert kriminelle Karrieren. Das
ist eine absehbare Katastrophe für alle: für die künftigen Opfer, für
den Täter, sein Umfeld und die ganze Gesellschaft.
Manche Zeitgenossen werten solche Befunde als Sozialkitsch. Wer mag,
soll spotten; "Gutmenschentum" hat keine Konjunktur.
Doch das systematische Versagen ist in jeder Hinsicht ein
folgenschwerer Fehler.
Ja, eine vernünftige Resozialisierung kostet Geld. Doch ungleich
teurer ist es, Täter über Jahre im Gefängnis zu halten.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PON






