Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Jurassic Park"

Ausgabe vom 18. Juni 2013

Wien (OTS) - Der G8-Gipfel, das war einmal das wichtigste diplomatische Treffen der mächtigsten Regierungschefs der Welt. Eigentlich sind es ja sieben, Russland wurde erst spät dazugenommen. Mit Deutschland, Frankreich und Italien sind gleich drei EU-Länder in dem Kreis vertreten, der bis heute militärisch das Sagen hat, wirtschaftlich aber längst nicht mehr den Ton angibt.

Was heute eine "multipolare Welt" genannt wird, beweist sich an der Fülle komplexer Themen: Wird der neu gewählte Präsident des Iran das Atomprogramm tatsächlich auf zivile Nutzung beschränken? Wohin driftet die Türkei? Wie lange wird der Bürgerkrieg in Syrien noch weitergehen? Dazu kommen die Mega-Themen Massenarbeitslosigkeit in Teilen Europas, der Klimawandel und und und.

Es sitzen zusammen acht Regierungschefs, von denen sieben von US-Präsident Obama wissen wollen, ob der US-Geheimdienst NSA auch bei diesem Treffen in Nordirland mitliest und -hört. Es sitzen zusammen acht Regierungschefs, von denen sieben vom russischen Präsidenten Putin wissen wollen, warum er in Syrien ein Regime unterstützt, das Giftgas gegen die eigene Bevölkerung einsetzt. Es sitzen zusammen acht Regierungschefs, von denen sieben von der deutschen Kanzlerin Merkel wissen wollen, wie die Arbeitslosigkeit in der EU wirksam bekämpft werden kann. Es sitzen zusammen acht Regierungschefs, von denen sich sieben fragen, was der Italiener eigentlich dabei macht.

Eigentlich ist die Gruppe gegründet worden, um die Weltwirtschaft im Lot zu halten. Doch da Länder wie China, Indien, Brasilien, Südkorea, Indonesien, Nigeria, Südafrika und Mexiko nicht dabei sind, hält sich der Einfluss mittlerweile in Grenzen. Die inzwischen ebenfalls gegründeten "G20" treffen die Sache schon eher, doch die kommen erst im Herbst zusammen - in St. Petersburg (Putin freut sich sehr darauf).

So haftet den G8-Treffen das Odium einer längst vergangenen Welt an. In dieser werden zwar konkret Rüstungslieferungen besprochen, doch die bewegenden Fragen der Menschheit wie Arbeit, soziale Sicherheit und saubere Umwelt werden mit unverbindlichen Diplomaten-Floskeln vor sich hergeschoben. Das gewählte Tagungshotel in Nordirland steht übrigens zum Verkauf - andernfalls droht nämlich der Konkurs. Besser können die G8 nicht beschrieben werden.

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