• 15.05.2013, 18:44:56
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OÖNachrichten-Leitartikel: "Spindeleggers Gesellenstück", von Christoph Kotanko

Ausgabe vom 16. Mai

Utl.: Ausgabe vom 16. Mai =

Linz (OTS) - Es war, objektiv, keine besonders gute Rede, die Michael
Spindelegger gestern in der Hofburg hielt. Der Auftritt wirkte über
weite Strecken bieder, der Spannungsbogen fehlte; die Ansprache war
gespickt mit Zahlen und Fachausdrücken
("Mittelstandsfinanzierungsgesellschaften").
Manche Zuhörer, die frühmorgens mit Bussen aus den Bundesländern
angereist waren, gähnten bereits. Bis Spindelegger doch noch punkten
konnte.
Die ÖVP wollte die "Österreich-Rede" nicht als Wahlkampfstart werten.
Trotzdem erhofften 1200 Funktionäre und Sympathisanten starke
Ansagen. Ihr dankbarer Applaus brandete auf, sobald Spindelegger die
SPÖ attackierte und versprach: "Im September wird die ÖVP wieder
Nummer eins im ganzen Land!" - Das ist Balsam für die Schwarzen.
Eines unterscheidet Spindelegger von früheren VP-Obleuten: Er hat die
Funktionäre hinter sich. Sie wollen an ihn glauben; einen anderen
haben sie nicht in der Bundespolitik. Die gestrige Rede verstärkte
die Gefühlsbindung, weil er zuletzt doch noch ihre Erwartungen
erfüllte. Sie war für den einstigen Lehrling von Lichal und Pröll das
Gesellenstück.
Außensicht und Innensicht klaffen bei Spindelegger besonders weit
auseinander. Er ist kein brillanter Redner, aber er gilt bei seinen
Leuten als bescheiden, arbeitsam, gescheit, vertrauenswürdig. "Einer
von uns", wie ein aus Osttirol angereister Bezirksfunktionär
zufrieden feststellte. Dem derzeitigen Vizekanzler trauen seine
Anhänger zu, dass er auf "anständige Art" Kanzler wird - und nicht
durch Bruch eines Wahlversprechens, wie Wolfgang Schüssel.
Objektiv gesehen, darf sich die ÖVP diese Hoffnung mit einiger
Berechtigung machen. Die Sozialdemokraten sind verunsichert. Ihre
Parteiführung hat die Wucht der Ereignisse des ersten Halbjahres
unterschätzt.
Die Wehrpflicht-Volksbefragung war ein dummes Eigentor, für das sich
die SPÖ bei Häupl "bedanken" kann. In mehreren Ländern ist die Partei
randständig geworden, ihr Apparat kaum mehr mobilisierungsfähig. Die
Nationalratswahl wird aber durch die Mobilisierungsstärke
entschieden.
Die SPÖ ist jedenfalls gewarnt. Sie wird um den Ballhausplatz
kämpfen. Eine harte Auseinandersetzung um Themen und Ideen ist
übrigens im Interesse aller Wahlberechtigten.
Nichts ist langweiliger als ein Paarlauf der "ewigen"
Regierungsparteien.

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